Leseprobe Gefangen im Schicksal

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Vergangenheit  November 1020

 

 Kapitel 1 -Kurze Atempause-

 

Agnes erwachte mit einem lauten Schrei und fuhr von Ihrem Strohbett hoch.

Ihre Augen waren schreckgeweitet und in die Ferne gerichtet. Es dauerte einen Moment, bis sie sich wieder orientieren konnte und ins Hier und Jetzt zurückfand.

Auch Petrik war aus seinem leichten Schlaf gerissen worden und starrte sie nun erschrocken an. »Was ist passiert?« Flüsterte er, um Morgaine nicht zu wecken, die immer noch selig schlief.

»Ich hatte eine Vision, Dugal«, flüsterte Agnes genauso leise zurück. Vorsichtig erhob Petrik sich von seinem Lager und half auch Agnes hoch. Gemeinsam setzten sie sich auf die beiden Hocker.

Agnes war kreidebleich und schlug die Hände vors Gesicht. »Es war genauso wie in der letzten Vision, ich habe dir nur nichts davon erzählt, um dich nicht zu beunruhigen«, begann sie jetzt vorsichtig.

Petrik starrte sie fragend an und runzelte die Stirn. »Was hast du mir verheimlicht, Agnes, sag schon«, bedrängte er sie. »Es kann sich ja nur um Morgaine handeln, wenn du so aufgeregt bist, also was ist passiert?«

»Ich habe Morgaine gesehen und sie war schwanger.« Jetzt war es endlich raus und nach einem Blick in Petriks Gesicht wusste sie, dass es ein Fehler gewesen war, ihm das zu erzählen. Aber da sie bereits zum zweiten Mal die gleiche Vision hatte, war ihr klar, dass sie diese nicht länger ignorieren konnte. Es war eine Warnung und sie konnte nur hoffen, dass diese nicht zu spät kam.

»Was heißt schwanger? Was genau hast du denn gesehen und vor allem in welcher Zeit hat sich Morgaine befunden?« Aufgeregt sah er sie jetzt an und wartete angespannt auf eine Antwort.

»Ich habe sie in langen Kleidern gesehen. Ich kann dir nicht sagen, welche Zeit das genau war, ich weiß nur, dass es sich nicht um das Jahr 2015, beziehungsweise um die Zukunft handelte. Ihr Bauch war schon sehr dick und die Niederkunft stand kurz bevor.«

»Sie nimmt die Pille und ich habe sie, seitdem wir hier sind, nur einmal angerührt«, verteidigte er sich.

»Vielleicht ist das alles auch nur eine Warnung und bedeutet, dass es besser wäre, du würdest ihr nicht mehr beiwohnen, solange ihr nicht wieder in eurer eigenen Zeit seid. Das Risiko ist einfach zu groß.«

Auch wenn Agnes nicht wirklich an ihre Worte glaubte, musste sie versuchen, Petrik wieder zu beruhigen. Er war ein Hitzkopf. Sie konnte nur hoffen, dass Morgaine, wenn sie erwachte, wieder bei klarem Verstand war, und ihnen berichten konnte, was sich auf Nature Island wirklich zugetragen hatte. Befürchtete allerdings, dass die Drogen ihr das Gedächtnis genommen hatten.

Auch wenn sie nicht mit Bestimmtheit sagen konnte, dass Jonathan ihr, Gewalt angetan hatte, so konnte sie es auch nicht ausschließen. Dies wäre das Schlimmste der Szenarien, die sich jetzt in ihrem Kopf abspielten.

»Glaubst du etwa, dass ER sie willenlos gemacht hat, um sich dann an ihr zu vergehen?«

Petrik war von seinem Hocker aufgesprungen und hatte die Hände zu Fäusten geballt. Unruhig lief er auf und ab, sein Gesicht war eine Maske des Hasses.

»Ich glaube nicht, dass er das gewagt hat. Eher könnte ich mir vorstellen, dass er im Laufe der Zeit ihre Gunst gewinnen wollte. Morgaine ist eine sehr intelligente Frau. Wie hätte er ihr eine Schwangerschaft erklären können? Er konnte sie ja schließlich nicht wochenlang unter Drogen halten. Er hatte mit Sicherheit die Absicht, sie bei sich zu behalten und wahrscheinlich auch zu heiraten, aber dafür hätte er erst ihr Vertrauen gewinnen müssen. Nein, so dumm ist er nicht.«

Agnes schüttelte entschieden den Kopf, was Petrik jedoch nicht im mindesten beruhigte. Noch immer lief er herum, wie ein Tiger im Käfig.

»Von daher halte ich es für umso wichtiger, dass ihr so schnell als möglich wieder in eure eigene Zeit zurückkehrt. Während du den Drachen beschaffst, werde ich mich um Morgaine kümmern und dafür Sorge tragen, dass sie diese Höhle nicht verlässt und niemand sie zu Gesicht bekommt.«

Petrik nickte schließlich und blieb endlich stehen. »Ja, du hast recht, wir sollten uns jetzt erstmal um das wirklich Wichtige kümmern und sobald wir den Drachen haben, in unsere eigene Zeit zurückkehren. Wenn erstmal Gras über die Sache gewachsen ist, werden wir dich mit Sicherheit irgendwann noch einmal besuchen kommen.«

Ein leichtes Lächeln stahl sich auf sein Gesicht, als er nähertrat und Agnes liebevoll in den Arm nahm. 

»Habe ich etwas verpasst?« Hörten sie jetzt eine vertraute Stimme aus dem Hintergrund. Morgaine war erwacht, streckte sich ausgiebig und rieb sich noch etwas verschlafen über die Augen.

Mit zwei Schritten war Petrik bei ihr und kniete sich vor den Strohsack. »Guten Morgen, Prinzessin«, begrüßte er sie und gab ihr einen Kuss auf den Mund. »Hast du gut geschlafen?« Morgaine strahlte ihn an. »Ich fühle mich wie neugeboren und könnte Bäume ausreißen.« »Nur mal nicht übertreiben, Prinzessin, du hast einiges durchgemacht und musst dich noch etwas schonen«, sprach Petrik jetzt auf sie ein, und strich ihr eine widerspenstige Haarsträhne aus dem Gesicht.

Auch Agnes war nähergetreten und bedachte Morgaine mit einem gütigen Lächeln. »Leider kann ich dir zum Frühstück nicht sehr viel anbieten, mein Kind. Aber Dugal und ich werden uns gleich auf den Weg zu einem meiner Freunde machen, und dann bringe ich ein paar Vorräte mit.«

Morgaine sah die beiden unsicher an. »Wie meinst du das? Wollt ihr mich etwa hier alleine lassen?« Unruhig geworden, setzte sie sich jetzt auf und richtete ihr Kleid.

»Wir werden nicht lange weg sein, keine Sorge. Ich bringe Dugal nur zu Raymond, der dann gemeinsam mit ihm einen Plan ausarbeitet, um den Drachen wiederzubekommen. Ihr solltet so schnell wie möglich in eure eigene Zeit zurückkehren, bis die Leute hier die ganze Sache vergessen haben«, klärte Agnes sie jetzt auf.

Ungläubig starrte Morgaine Petrik an. »Du willst alleine auf die Burg? Bist du von allen guten Geistern verlassen?« Ihre Augen hatten sich vor Wut verdunkelt und angriffslustig reckte sie ihm ihr Kinn entgegen.

»Das ist alles bereits beschlossene Sache, Prinzessin. Ich werde weder dich noch Agnes erneut irgendeiner Gefahr aussetzen. Hier seid ihr in Sicherheit und ich kann mir in Ruhe einen Plan überlegen. Außerdem bin ich ja gar nicht alleine. Der Freund von Agnes hat zudem Bekannte auf der Burg und das macht uns die Sache noch wesentlich leichter.«

Petrik sah sie jetzt streng an und Morgaine erkannte sofort, dass es keinerlei Sinn machte, ihm zu widersprechen, zumal er Agnes auf seiner Seite hatte. Innerlich kochte sie vor Wut. Erneut hatte er über ihren Kopf hinweg entschieden und das brachte sie in Rage.

Agnes drückte jetzt beruhigend Morgaines Arm. »Glaube mir, mein Kind, das ist wirklich die beste Lösung. Die Ritter der Burg sind nach wie vor auf der Suche nach dir. Schließlich wartet der Scheiterhaufen dort auf dich und dieses Spektakel wollen sich die Leute nicht entgehen lassen. Du darfst auf gar keinen Fall, auch nur in die Nähe von Black Crow gelangen. Das würde deinen sicheren Tod bedeuten.«

Unsicher geworden, stand Morgaine jetzt von ihrem Strohlager auf und lief unruhig in der Höhle hin und her. Bei näherer Überlegung hatte Agnes natürlich recht, aber sofort hatte sie wieder ihren Traum vor Augen, in dem Petrik den Tod gefunden hatte. Ein Frösteln durchfuhr ihren Körper, bei dem Gedanken daran, wie er in ihren Armen gestorben war. Schnell füllten sich ihre Augen mit Tränen.

Petrik hatte sie die ganze Zeit beobachtet und kam jetzt mit langen Schritten auf sie zu. Sanft zog er sie an sich und bettete ihren Kopf an seine breite Brust. Er wusste genau, was in ihr vorging und wovor sie solche unglaubliche Angst hatte.

»Du musst dir keine Sorgen um mich machen, Prinzessin. Es wird alles gut. Wir haben jetzt schon so viele Gefahren überstanden und der Rest gelingt uns auch noch.«

Sanft wog er ihren Körper und gab ihr einen Kuss auf die dicken Haare, die jetzt wirr von ihrem Kopf abstanden. Er wollte so schnell wie möglich mit ihr nach Hause. Die Abenteuerlust war ihm gänzlich vergangen.

Natürlich war ihm bewusst, dass sie wahnsinniges Glück gehabt hatten. Genauso gut hätten sie alle im Verlies oder auf dem Scheiterhaufen enden können. Und niemand zu Hause hätte jemals erfahren, was mit ihnen passiert war.

Kurz durchzuckte ihn der Gedanke an seine zurückgebliebene Frau. Ihr hatte er erzählt, dass er auf Geschäftsreise müsse. Ob sie ihm das wirklich geglaubt hatte, wusste er allerdings nicht, es interessierte ihn auch nicht. Das Verhältnis zu ihr war alles andere als gut. Nur seinen Schuldgefühlen ihr gegenüber hatte er es zu verdanken, dass er sie überhaupt erst geheiratet hatte, und diese hielten ihn auch immer noch davon ab, endlich die Scheidung einzureichen. 

Schon jetzt hatte er Angst davor, mit Morgaine darüber zu sprechen, weil er sich nicht sicher sein konnte, wie sie reagieren würde. Er konnte und wollte sich ein Leben ohne sie nicht mehr vorstellen, das war ihm spätestens hier, in der Vergangenheit, klar geworden.

Sobald sie wieder zurück in ihrer eigenen Zeit waren, würde er sofort mit ihr reden, das nahm er sich fest vor. Jetzt allerdings mussten sie erstmal sehen, dass sie auch wieder zurückkamen.

Sanft löste er sich nun von Morgaine und geleitete sie zu dem kleinen Hocker. Agnes war bereits dabei, eines der Pferde zu satteln und dem Zweiten die Decke aufzulegen.

Sonnenstrahlen fielen jetzt von der Höhlendecke in das Innere. Petrik hatte gar nicht mitbekommen, dass es dort oben eine Öffnung gab. Als er jetzt den Kopf in den Nacken legte, erkannte er, dass das Loch nicht größer als ein Fußball war und sich bestimmt in 200 Metern Höhe befand. Zu klein, um von außen hereinzukommen, aber groß genug, um Helligkeit und frische Luft hereinzulassen und als Abzug zu dienen.

Morgaine saß etwas teilnahmslos und verloren in der Mitte der Höhle und beobachtete das Treiben der Beiden mit gemischten Gefühlen. Sie musste versuchen, jetzt stark zu bleiben und Zuversicht zu zeigen. Sie brauchten den Drachen und daran ging kein Weg vorbei.

Schließlich griff Petrik zu den beiden Umhängen, überreichte einen davon Agnes und legte sich den anderen selbst um die Schultern. Dann packte er sein Kurzschwert und nahm das Seil eines der Pferde entgegen, welches Agnes ihm reichte. Morgaine war jetzt aufgestanden und trat auf ihn zu. Mit einem gezwungenen Lächeln umarmte sie ihn kurz und gab ihm einen Kuss auf den Mund.

»Dass du mir ja wieder heil zurückkommst und keinen Blödsinn machst«, mahnte sie ihn kurz.

»Du kennst mich doch Prinzessin, ich tue nur das, was getan werden muss«, erwiderte er und strich ihr dabei beruhigend über den Kopf.

Auch Agnes war jetzt herangetreten, das Pferd am Strick neben sich herführend, und umarmte Morgaine mit dem freien Arm. »Ich bin etwa in 4 Stunden wieder zurück. Ruh dich noch etwas aus, mein Kind und mach dir nicht so viele Gedanken, es wird alles gutgehen.«

Morgaine nickte nur und versuchte krampfhaft, die erneut aufsteigenden Tränen zu unterdrücken. Sie wollte keine Heulsuse sein, damit war niemandem geholfen.

Schließlich steuerte Agnes auf eine große Felswand im linken Teil der Höhle zu. Auch hier gab es einen versteckten Mechanismus, den sie jetzt betätigte, bevor die Wand mit einem lauten Grollen zur Seite geschoben wurde. Petrik sah sie etwas erstaunt an, da er davon ausgegangen war, dass sie auf dem gleichen Wege zurückmussten, wie sie hergekommen waren.

»Wir nehmen einen anderen Weg zurück«, sagte sie jetzt. »Auch wenn der Abstieg etwas schwieriger ist, so ist der Weg kürzer und wir sparen eine Menge Zeit. Dieser Ausgang dient im Übrigen als Fluchtweg, sollte dieser Unterschlupf entgegen aller Erwartung, doch noch ausfindig gemacht werden.«

Mit einer entzündeten Fackel in der Hand ging sie schließlich voraus.

Petrik warf einen letzten Blick auf Morgaine, die einsam und verlassen in der Mitte der Höhle stand, bevor er mit seinem Pferd, Agnes durch den schmalen Durchgang folgte. 

Sofort betätigte sie einen zweiten Mechanismus und die Höhlenwand schloss sich mit einem lauten Donnergrollen wieder.

 

 Gefangen im Schicksal

 

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