Leseprobe Prüfung des Schicksals

Leseprobe Prüfung des Schicksals

Gegenwart  Juni 2020

 

Kapitel 1 -Abschied nehmen, tut weh-

 

Immer wenn sich ihr Todestag jährte war es Morgaine sehr schwer ums Herz.

Sie stand mit ihrer kleinen Tochter Guinevere, die sie liebevoll Ginny nannte, vor dem großen weißen Engel, den sie für ihre über alles geliebte Bonni hatte anfertigen lassen. Die Golden-Retriever-Hündin war unerwartet vor 24 Monaten von ihnen gegangen.

Sie hatten noch exakt drei gemeinsame Jahre gehabt, bis Bonni urplötzlich erkrankte. Von einem Tag zum anderen verweigerte sie ihr Futter und Morgaine konnte sich beim besten Willen nicht erklären warum.

Die unzähligen Untersuchungen beim Tierarzt, bei denen wiederholt Blut abgenommen wurde und auch die vielen Röntgenbilder, brachten kein Ergebnis zu Tage was in irgendeiner Weise hätte weiterhelfen können.

So musste sie hilflos mit ansehen wie Bonni von Tag zu Tag schwächer wurde, bis sie schließlich auch das Wasser verweigerte.

Da Morgaine ihr die Qualen des Tropfes ersparen wollte, zumal sie das ganz bestimmte Gefühl hatte, dass Bonni gehen wollte, schlief sie bald darauf friedlich in ihren Armen und ihrer gewohnten Umgebung ein.

Tränen liefen ihre Wangen hinab, als sie jetzt vor dem Engel stand und mit Bonni Zwiesprache hielt.

Sanft streichelte Ginny ihre Hand.

»Nicht traurig sein, Mummy. Bonni fühlt sich sehr wohl, dort wo sie jetzt ist. Sie tollt gerade mit vielen anderen Hunden über eine große, leuchtend grüne und wirklich wunderschöne Wiese. Heute Nacht hat sie mich auch wieder im Traum besucht und hat mir freudig ihre Hundefreunde vorgestellt«, sagte die Kleine jetzt.

Guinevere war hellsichtig und sprach so selbstverständlich mit ihren Geistführern, als unterhielte sie sich mit einer ihrer Freundinnen.

Schon früh hatte sich herausgestellt, dass Ginny ganz anders war als andere Kinder. Bereits im zarten Babyalter unterschied sie sich von all den vielen Schreikindern die ihre Mütter, Tag und Nacht, auf Trab hielten. Ginny weinte so gut wie nie und schlief bereits, mit gerade mal drei Monaten, nachts durch. Selbst wenn sie Hunger hätte haben müssen kam kein Klagelaut über ihre kleinen, zarten Lippen. So hatte es sich Morgaine zur Gewohnheit gemacht sie nach der Uhr zu füttern.

Gerade abends nach ihrer letzten Mahlzeit genoss sie es Ginny in ihrer Wiege zu beobachten. Die Kleine hatte die Augen weit geöffnet und sah fasziniert auf das Tiermobile, welches Morgaine für sie gebastelt hatte und das am Himmel der Wiege hing. Die kleinen Basttierchen bewegten sich sanft hin und her und Guinevere konnte sich an ihnen nicht sattsehen. Es sah fast so aus als würde sie mit ihren Augen zu den Figuren sprechen.

Nach zirka zehn Minuten stahl sich ein breites Lächeln auf das Gesicht des Babys und dann schloss Ginny die Augen und war sofort eingeschlafen. Dieses Ritual fand jeden Abend statt, seitdem Guinevere sechs Wochen alt war.

Als sie schließlich größer wurde und mit bereits einem Jahr anfing zu laufen war es immer wieder erstaunlich, dass sie sich den ganzen Tag selbst beschäftigte. Sie sprach in ihrer ganz eigenen Babysprache mit allen Tieren und Pflanzen die ihr begegneten und liebte es in der Natur zu sein. Bonni wich ihr nicht von der Seite und passte bestens auf sie auf.

Die Hündin liebte sie von Herzen und auch wenn Morgaine anfangs befürchtet hatte, dass Bonni vielleicht eifersüchtig werden könnte, war diese Angst vollkommen unbegründet.

Die beiden waren unzertrennlich und Ginny teilte alles mit der Hündin.  So war es nicht verwunderlich, dass Bonni schnell ein paar Kilos zulegte und Morgaine sanft einschreiten musste.

»Ich weiß, mein Schatz«, sagte sie jetzt, wischte sich die Tränen ab und drückte Ginny fest an sich.

Dann sah sie auf ihren Ring hinab. Das Sonnenlicht ließ den roten Rubin erstrahlen und verstärkte die Magie, die schon immer von ihm ausgegangen war. Er war das Einzige was sie aus den Highlands mitgebracht hatte, wenn man mal von dem Kleid absah, dass sie seinerzeit getragen hatte. Sie hatte ihn noch nicht einen einzigen Tag abgelegt, sah sie ihn doch als Bindeglied zwischen sich und Petrik, an.

Der Apfelbaum unter dem das Grab der Hündin lag stand in voller Blüte. Dies war sofort der Lieblingsplatz des Golden-Retrievers geworden, als sie vor vier Jahren in dieses gemütliche Blockhaus im Wald eingezogen waren.

Bonni liebte es zu buddeln und hatte unter dem riesigen Baum viele ihrer Knochen vergraben. Wie oft hatte sie hier ihr Mittagsschläfchen gehalten und von ihren Schätzen und ihren vielfältigen Expeditionen durch den Wald geträumt.

Jetzt wurde die Erde um den Baum herum mit großen weißen Steinen umrahmt, in deren Mitte der wunderschöne Engel stand. Morgaine hatte gemeinsam mit Guinevere unzählige Vergissmeinnicht und Sonnenblumen auf das Grab gepflanzt, die nun mit ihren blauen und gelben Farben, um die Wette strahlten.

Bonni hatte hier wirklich ein wunderschönes Plätzchen, aber noch immer war Morgaine über ihren Verlust nicht hinweggekommen.

Obwohl Ginny sie des Öfteren darum gebeten ja quasi angebettelt hatte doch einen neuen Hund anzuschaffen, brachte sie es einfach noch nicht übers Herz.

Bonni war neun lange Jahre ihre Vertraute und neben Lizzy ihre beste Freundin gewesen. Sie waren unermüdlich durch Dick und Dünn gegangen und es verbanden sie beide so unglaublich viele, schöne Erinnerungen.

Die wollte sie sich bewahren und hatte Angst davor, dass sie durch die Anschaffung eines neuen Hundes mit der Zeit verblassen würden. Auch wenn sie wusste, dass es der Hündin gutging und sie sie loslassen musste, konnte sie es einfach noch nicht. 

Gerade in der schweren Zeit nach ihrer Rückkehr aus den Highlands war Bonni ihr eine unglaubliche Hilfe und Stütze gewesen.

Wie oft hatte sie abends mit ihr zusammen auf der Couch gesessen und ihr tränenverschmiertes Gesicht in ihrem weichen Fell vergraben. Sie redete sich alles von der Seele und die brave Hündin hörte ihr aufmerksam zu, leckte ihr hin und wieder über die Hände oder das Gesicht und schmiegte sich eng an sie.

Bonni wusste immer ganz genau was in ihr vorging und litt gemeinsam mit ihr. Sie versuchte auf ihre ganz eigene Weise ihr zur Seite zu stehen und sie zu trösten.

Auch als das Baby kam war sie die Helferin schlechthin. Nachdem Morgaine nach drei Tagen aus dem Krankenhaus zurückgekehrt war beschnupperte sie das neue Erdenwesen ausgiebig und legte sich kurz darauf demonstrativ vor die weiße Wiege, die Lizzy für sie angeschafft hatte und die in Morgaines Schlafzimmer stand.

Damit gab sie ihr zu verstehen, dass sie ab jetzt auf die Kleine aufpassen würde und Morgaine sich keine Sorgen machen müsse.

Erneut bahnten sich ein paar Tränen ihren Weg als sie daran zurückdachte wie aufmerksam und unnachgiebig die Hündin ihren selbst auferlegten Job ausübte.

Schnell hatte sie herausgefunden, dass Babys im Grunde genommen genau wie kleine Welpen zu behandeln waren. Sie waren hilflos und tollpatschig.

So war sie stets zur Stelle sobald Guinevere das Wohnzimmer auf allen Vieren erkundete und achtete sorgsam darauf, dass sie dabei dem heißen Kamin nicht zu nahekam. Immer wieder stupste sie die Kleine mit der Schnauze an und korrigierte damit ihren Weg. Wie oft hatte Morgaine die beiden bei diesem Spiel amüsiert beobachtet.

Fremde Besucher jedoch durften Ginny zunächst nicht zu nahekommen. Erst wenn die Hündin sie gecheckt und für in Ordnung befunden hatte, durften sie sich dem Baby nähern. Doch stets war sie dabei und hatte ein wachsames Auge auf die Gäste. Sie war besser als jeder Bodyguard, den Morgaine hätte engagieren können.

Als Guinevere schließlich größer wurde und die beiden gemeinsam im Garten toben konnten, ließ auch hier die Achtsamkeit der Hündin in keiner Weise nach.

Morgaine hatte, wie in dem zuvor gemieteten Haus, einen kleinen Teich angelegt, in dem viele, bunte Fische ihr Zuhause gefunden hatten.

Die farbenfrohen Kois hatten es Guinevere ganz besonders angetan. Obwohl der Teich durch einen kleinen, weißen Zaun abgegrenzt wurde, versuchte sie immer wieder darüber zu klettern um die Fische zu streicheln, wie sie Morgaine mit ernster Miene erklärte. Schließlich brauchten auch die Fische eine gewisse Zuneigung.

Doch damit hatte sie bei Bonni keine Chance. Laut bellend versuchte die Hündin sie von ihrem Vorhaben abzubringen. Half dies nichts, schnappte sie nach ihrem T-Shirt oder ihrer Hose und riss sie damit zu Boden. Jedes andere Kind hätte sicherlich angefangen zu weinen. Doch Guinevere sah kurz zu der Hündin auf, um dann in glucksendes Gelächter auszubrechen. Sie hatte sofort begriffen was Bonni ihr damit zu verstehen geben wollte. Und schon tobten die beiden weiter.

Für Morgaine war das eine große Hilfe.

Vor nunmehr vier Jahren, als Ginny aus dem Gröbsten raus war, hatte sie sich mit einer eigenen Heiler Praxis selbstständig gemacht. Die Praxis lag in einem Nebentrakt des sehr geräumigen Blockhauses, mit Blick auf den mehr als 5000 Quadratmeter großen Garten.

Direkt daneben befand sich ein schöner Wintergarten, den Morgaine zunächst als Spielzimmer für Ginny eingerichtet hatte. Die Verbindungstür stand immer offen und so konnte sie stets ein Auge auf ihre Tochter haben, wenn sie Patienten behandelte. Auch wenn Bonni der Kleinen nicht von der Seite wich machten die beiden auch das ein oder andere Mal gewaltigen Blödsinn. Bei ihrer Kundschaft kam dieses Arrangement erstaunlich gut an, zeigte es doch welch verantwortungsvolle Mutter Morgaine war, sowohl im menschlichen als auch im tierischen Sinne.

Sehr schnell hatte sich herumgesprochen, dass sie über erstaunliche Fähigkeiten verfügte und so scheuten die Menschen auch den weiten Weg von Frankfurt aus nicht, um sich helfen zu lassen. Durch den regelmäßigen Kontakt zu ihren Geistführern wurde sie täglich weiter geschult. Bei besonders schwierigen Behandlungen standen sie anfänglich direkt neben ihr und wiesen sie an. Ungesehen von den Patienten, fand die Kommunikation mit Morgaine telepathisch statt. Auch von den führenden Händen bekamen die Kunden nichts mit.

Oft berichteten die Kranken danach, dass sie das Gefühl gehabt hätten eine weitere Person sei im Raum gewesen. Einige von ihnen konnten sogar die veränderten Energien wahrnehmen, auch wenn sie diese Empfindungen weder verstehen, geschweige denn erklären konnten. Morgaine freute sich jedes Mal sehr, wenn ihre Patienten solche Wahrnehmungen hatten.

Vorsichtig, um sie nicht zu überfordern, lud sie diese Menschen zu einem Gesprächsabend ein, der einmal im Monat bei ihr stattfand. Sollten sie Interesse daran haben mehr über diese Energien in Erfahrung bringen zu wollen waren sie herzlichst willkommen. 

In den ersten beiden Jahren liefen diese Abende sehr schleppend an. Doch bald sprach sich herum, dass man bei der Heilerin aus dem Wald ganz erstaunliche Dinge erleben konnte. Inzwischen fanden sich meist um die dreißig bis vierzig Leute ein, die an diesen Treffen teilnahmen.   

Auch Peter, der Freund von Petrik, der mittlerweile auch ein sehr enger Freund von Morgaine geworden war, war gemeinsam mit den Mitgliedern seines spirituellen Kreises stets mit von der Partie.

Da sie die zahlreichen Menschen bald nicht mehr alle in ihrem Wohnzimmer unterbringen konnte musste dringend etwas geschehen.

Peter kam auf den Gedanken die angrenzende Scheune dafür umzubauen. An freiwilligen Helfern mangelte es nicht. Ein Großteil ihres Montagabend Clubs meldete sich sofort freiwillig und unter Peters Anleitung waren die notwendigen Umbaumaßnahmen schnell erledigt.

Im Winter beheizte sie den jetzt äußerst gemütlich eingerichteten Raum mit einem großen Kohleofen, den sie auf dem Flohmarkt gefunden hatte.

Stets wurden diese beliebten, äußerst informativen, aber auch sehr entspannten Abende, von ihrem persönlichen Geistführer Andries geleitet.

Die Anwesenden kannten ihn mittlerweile sehr gut und immer wieder brachte er sie mit seinem unverwechselbaren und schalkhaften Humor ständig zum Lachen.

Morgaine freute sich immer wahnsinnig auf diese Montagabende, an denen auch sie stets wieder neue Erkenntnisse bekam und viel dazulernen durfte.

Andries sprach durch sie und sie stellte ihm bereitwillig ihren Körper dafür zur Verfügung. Im Gegensatz zu vielen anderen Medien war sie keinesfalls erschöpft nach solch einer Sitzung, sondern fühlte sich enorm kraftgeladen und euphorisch. Vielleicht lag dies auch an der engen Bindung, die sie zu Andries hatte.

Er überstrapazierte sie niemals und brach den Kontakt sofort ab, sobald er Anzeichen einer vermeintlichen Erschöpfung bei ihr spüren konnte.

Wehmütig wanderten ihre Gedanken nun zu ihrer großen Liebe Petrik zurück. Er hätte jetzt an ihrer Seite sein müssen. So war es doch vorherbestimmt. Warum nur hatte sie das Schicksal wieder getrennt, noch bevor es dazu kommen konnte? Wie oft hatte sie Andries danach gefragt, ohne jemals eine befriedigende Antwort von ihm bekommen zu haben. Entweder wollte er oder durfte er ihr nichts dazu sagen. Irgendwann hatte sie mit der Fragerei aufgehört.

Es waren mittlerweile fünf Jahre vergangen ohne dass sie ein Lebenszeichen von Petrik bekommen hätte. Der Drache, den sie immer noch um ihren Hals trug, hatte es ihr nicht mehr ermöglicht wieder in die Vergangenheit zu reisen. Er reagierte nicht mehr auf ihre Ansprache.  Sie hatte den Bezug zu ihm komplett verloren.

Auch Peter hatte jahrelang immer wieder aufs Neue versucht telepathischen Kontakt zu Agnes aufzunehmen. Obwohl ihm das anfänglich sogar zweimal gelungen war konnte er sie danach nicht mehr erreichen. Auch wenn er es nicht aussprach wusste sie, dass er davon ausging, dass sie tot war. Sie konnte nur hoffen und beten, sollte dies wirklich so sein, dass Petrik nicht dasselbe Schicksal getroffen hatte.

Peter war kurz nach Bonnis Tod aus seiner Wohnung ausgezogen und hatte sich gemeinsam mit Lizzy, ein Haus unweit von Frankfurt gekauft. Durch Morgaine hatten die beiden sich kennen- und schließlich lieben gelernt.

Da Morgaine in entgegengesetzter Richtung wohnte, sah sie ihre beste Freundin nicht mehr so oft wie früher. Auch wenn sie das sehr bedauerte, gönnte sie ihr das Glück mit Peter von ganzem Herzen. Gerade Lizzy, die sich niemals in einen Mann verlieben wollte, hatte es eiskalt erwischt. Schon in zwei Monaten wollten die beiden heiraten und planten eine Familie.

Morgaine musste schmunzeln als sie an den Abend zurückdachte, an dem ihre Freundin ihr alles gebeichtet hatte. Auch wenn sie bereits wusste wie es um Lizzy bestellt war, dafür kannten sie sich einfach viel zu gut, ließ sie ihre Freundin zappeln.

Die so taffe Lizzy wusste zunächst nicht wie sie Morgaine klarmachen sollte, dass sie ihren jahrelangen Prinzipien untreu geworden war.

Unruhig wand sie sich auf ihrem Ohrensessel hin- und her, bevor sie schließlich mit der Sprache rausrückte. Aschfahl im Gesicht wartete sie gespannt auf Morgaines Reaktion. Doch als diese vom Sofa aufsprang und sie in eine stürmische Umarmung schloss, legte sich ein befreites Lächeln auf Lizzys zusammengekniffene Lippen. »Und ich dachte schon du würdest mich verurteilen«, sagte sie jetzt erleichtert. »Ich, die absolute Nichtromantikerin und Realistin. Die die Liebe immer belächelt hat und sich niemals auf solch ein Abenteuer einlassen wollte. Und jetzt hat es mich voll erwischt und ich bin so von Sinnen, wie du es damals bei Petrik warst.«

Erschrocken hielt sie sich die Hand vor den Mund, als ihr klar wurde was sie gerade gesagt hatte.

Morgaine schossen sofort die Tränen in die Augen, die sie jedoch tapfer hinunterschluckte, bevor sie schließlich anfing zu sprechen.

»Ich kann mir nichts Schöneres für meine allerbeste Freundin wünschen.

 Und ich freue mich wirklich wahnsinnig für euch beide, das kannst du mir glauben. Jetzt weißt du wie es sich anfühlt, wenn man der wahren Liebe begegnet. Und ich freue mich schon jetzt darauf, die Patin eures ersten Kindes zu werden.«

Danach hatte sie sich schnell verabschiedet, da sie Lizzys Glück nicht mit ihren eigenen, traurigen Gedanken und Erinnerungen trüben wollte.

»Können wir heute Pizza machen, Mummy?« Holte sie jetzt die sanfte Stimme von Guinevere aus ihren Gedanken. Mit großen Augen sah ihre kleine Tochter erwartungsvoll zu ihr auf.

»Aber natürlich können wir das, mein Schatz«, sagte Morgaine nun und strich Ginny das lange, schwarze Haar aus der Stirn.

Gemeinsam gingen sie den schmalen, mit weißen Kieselsteinen gesäumten Pfad, zurück zum Haus. Da heute Samstag war und Morgaine keine Patiententermine hatte, konnten sie den restlichen Nachmittag und den anstehenden Abend nach Gutdünken füllen und genießen.

Ein glückliches Lächeln lag jetzt auf ihrem Gesicht, als sie ihre kleine Tochter beobachtete, die vergnügt vor ihr her hüpfte und schnell die breite, überdachte Holzveranda erreichte. Da sie für ihr Alter schon erstaunlich groß war, konnte sie die schwere und massive Holztür ohne Probleme öffnen.

Morgaine folgte ihr gemessenen Schritts und fragte sich zum bestimmt hundertsten Mal, was Petrik wohl zu seiner wunderschönen Tochter gesagt hätte. Sie hatte seine grünen Augen geerbt, die den perfekten Kontrast zu ihren fast schwarzen Haaren bildeten. Er wäre bestimmt auf jeden ihrer baldigen Verehrer fürchterlich eifersüchtig gewesen, da war sie sich ziemlich sicher.

Wie gerne hätte sie das erlebt sagte sie sich im Stillen, als sie jetzt durch die Eingangstür schritt.

Dann kehrten ihre Gedanken automatisch zu dem tragischen und alles verändernden Tag zurück, an dem sie wieder in ihrer eigenen Zeit angekommen war.

 

Gegenwart Juni 2015

 

Kapitel 2 -Zurück in der Gegenwart-

 

Völlige Dunkelheit umfing sie, als Morgaine die Augen öffnete. Der Drache um ihren Hals glühte immer noch und hatte einen brennenden Schmerz auf ihrer empfindlichen Haut hinterlassen.

Sie war völlig benommen von den ganzen Geschehnissen und hatte noch immer die leise Stimme von Petrik im Ohr.

»Erzähle unserem Kind von mir, mein geliebter Engel. Wir werden uns wiedersehen. Irgendwann, irgendwo.

Ich liebe dich durch alle Zeiten hindurch.«

Das hassverzerrte Gesicht von Zaimor vor Augen, liefen ihr jetzt die Tränen in Sturzbächen über die Wangen. Den feuchten Geruch der Höhle in der Nase, setzte sie sich langsam auf und tastete blind nach dem Schalter der Nachttischlampe.

Sofort erfüllte ein grelles Licht ihr Schlafzimmer und sie kniff geblendet die Augen zu. Sie war zurück. Der Drache hatte sie und ihr ungeborenes Kind im letzten Moment gerettet. Doch was war mit Petrik geschehen? Warum hatte er sie nicht gemeinsam reisen lassen? Agnes hatte ihren Armreifen, mit dem es ihr bereits schon einmal gelungen war in die Gegenwart zurückzukehren. Doch Petrik war verloren. Er hatte keinerlei Möglichkeit, ohne sie, die Vergangenheit jemals wieder zu verlassen.

Vorsichtig glitten ihre Hände jetzt zu ihrem Bauch und sie musste mit Erschrecken feststellen, dass er bereits wesentlich dicker geworden war, als es noch vor wenigen Minuten der Fall gewesen war.

Völlig irritiert schob sie die Beine über die Bettkante und stand langsam auf. Ein leichtes Schwindelgefühl hatte von ihr Besitz ergriffen als sie sich jetzt langsam der Terrassentür näherte, um frische Luft hereinzulassen.

Draußen war es stockfinster und ziemlich frisch, wie sie schnell feststellen musste. Die zierlichen Korbmöbel standen an ihrem angestammten Platz, als sie jetzt auf einem der beiden Sessel, Platz nahm. Automatisch fuhr ihre Hand zu dem Drachenanhänger.

Auch ohne einen Versuch zu starten wusste sie instinktiv, dass sie keinen Kontakt mehr zu ihm hatte. Der Anhänger fühlte sich kalt und leblos an, halt ein ganz normales Schmuckstück.

Verzweiflung machte sich in ihr breit, als sich weitere Tränen unkontrolliert ihren Weg bahnten. Was sollte sie jetzt nur tun? Sie musste Petrik helfen. Musste ihn da rausholen. Wusste aber beim besten Willen nicht wie sie das ohne den Drachen anstellen sollte. Ihre Gedanken fuhren Achterbahn, bis sich schließlich ihr rationaler Verstand einschaltete.

Sie war zurück in der Gegenwart, gemeinsam mit ihrem ungeborenen Kind. Da sie wusste, dass immer nur zwei Personen gleichzeitig reisen konnten musste sie die Geburt abwarten, bevor sie eine erneute Reise wagen konnte. Wahrscheinlich hatte sie deswegen keinen Kontakt mehr zu dem Drachen. Er wollte verhindern, dass sie sich kopflos erneut in die Vergangenheit stürzen würde, um Petrik zu retten. Damit aber das Leben ihres Kindes gefährden würde. Je länger sie darüber nachdachte desto wahrscheinlicher wurde diese Vermutung. Erneut strich sie über ihren bereits stark gewölbten Bauch. Auch wenn sie keinerlei Erfahrung mit Schwangerschaften hatte ging sie davon aus, dass sie noch maximal einen Monat bis zur Niederkunft hatte, dem Bauchumfang nach zu urteilen. Das bedeutete, dass sie in spätestens zwei Monaten erneut reisen konnte um Petrik zu holen. Die ersten Wochen würde sie sich um das Kind kümmern, bis gewährleistet war, dass die Kleine auch einen Tag ohne sie auskommen konnte.

Sie wollte keinesfalls länger als nötig wegbleiben und plante schon in Gedanken, wie sie das bewerkstelligen konnte.

Agnes hatte ihr davon erzählt, dass Peter, der Freund von Petrik, sich mit Astralwanderungen auskannte. Sie hatte ihm bei ihrer Ankunft in der Gegenwart eingebläut ständig an dieser Fertigkeit zu arbeiten, damit sie einen mentalen Kontakt zueinander herstellen konnten.

Genau das musste passieren damit sie über Agnes in Erfahrung bringen konnten wo sie sich mit Petrik aufhielt. Dann stand einer baldigen Reise nichts mehr im Wege. Sie hoffte im Stillen, dass die beiden Zaimor und Eilean entkommen konnten und bei den Zigeunern Hilfe gefunden hatten. Buza und Vahagn würden ihnen mit Sicherheit zur Seite stehen und im Notfall auch gegen ihren eigenen Sohn vorgehen. Daran hatte sie keinerlei Zweifel. 

Sofort morgen würde sie Peter aufsuchen, um mit ihm die weitere Vorgehensweise zu besprechen. Lizzy wusste ja wo er wohnte, also stellte dies kein Problem dar.

Bei dem Gedanken an ihre Freundin stahl sich ein freudiges Lächeln auf ihr Gesicht. Sie war wieder zuhause und würde schon bald ihre geliebte Bonni in die Arme schließen können.

Schnell stand sie von dem Korbsessel auf und trat in ihr Schlafzimmer zurück. Erst jetzt bemerkte sie die weiße Babywiege, die auf der linken Seite ihres Bettes stand. Lizzy hatte wirklich nicht gezögert und ihre Versprechungen in die Tat umgesetzt. Vorsichtig strich sie über die flockenweiche, lila Bettwäsche, auf der viele kleine Bärchen und Herzen um die Wette eiferten. Die Wiege war festgestellt und nachdem Morgaine die Verankerung gelöst hatte schaukelte sie sanft hin und her.

 Ein weißer, mit unzähligen Rüschen verzierter Betthimmel war an einem Gestänge befestigt und fiel sanft bis zum Boden hinab. In der Mitte des Gestänges hing eine kleine Spieluhr. Selbst an ein Nestchen hatte Lizzy gedacht. Passend zu der Bettwäsche umrahmte es den Kopfteil der Wiege.

Ihre Freundin war wirklich erstaunlich, schmunzelte sie, als sie jetzt das Schlafzimmer verließ und sich auf den Weg in die untere Etage machte.

Das rote Blinken des Anrufbeantworters spendete ein notdürftiges Licht, in ihrem in vollkommener Dunkelheit liegenden Wohnzimmer, als sie jetzt langsam die Treppe hinabstieg. Nachdem sie das Deckenlicht angeschaltet hatte, fand sie den Raum unberührt vor. Es sah so aus, als wäre sie gar nicht weggewesen.

Nach einem Blick auf die große Küchenuhr stellte sie erstaunt fest, dass es bereits nach 24 Uhr war. Unschlüssig ob sie ihre Freundin jetzt noch anrufen konnte, griff sie schließlich doch entschlossen nach dem Telefonhörer. Lizzy würde es ihr niemals verzeihen, wenn sie sich nicht sofort bei ihr meldete, nachdem sie wieder angekommen war.

Morgaine wollte gerade wieder den Hörer auflegen, da auch nach dem siebten Klingeln noch immer niemand abgenommen hatte.

Lizzys Telefon stand im Wohnzimmer. Ihr Schlafzimmer lag aber in der oberen Etage, genau wie bei Morgaine auch. Sicherlich war sie im Tiefschlaf und hatte das Telefon gar nicht gehört. Doch sie sollte eines Besseren belehrt werden, als ihre Freundin schließlich etwas atemlos abnahm. »Wir sind schon unterwegs, mein Schatz«, brüllte sie nur.  Dann war das Gespräch auch schon beendet. Morgaine starrte den Hörer etwas verwundert an, bevor sie ihn schließlich wieder auf die Gabel legte. Natürlich hatte Lizzy ihre Nummer erkannt und sofort geschaltet.

Freudig erregt ging sie schließlich in ihre Küche zurück und setzte einen frischen Kaffee auf. Dies würde eine sehr lange Nacht werden.

Mist, sie hatte für Bonni überhaupt keine Leckerlies. Die Hündin war bestimmt ziemlich sauer auf sie, da sie solange fort gewesen war und wollte sicherlich eine Entschädigung dafür. Frustriert öffnete sie den oberen Küchenschrank, in der stillen Hoffnung vielleicht doch noch eine letzte Packung zu entdecken, als ihr fast die Augen aus dem Kopf fielen.

Der obere Schrank war nur für Bonni reserviert und das wusste die Hündin nur zu genau. Schwanzwedelnd stand sie mehrmals am Tag vor dieser Goldgrube und schielte erwartungsvoll mit einem Auge hinauf. Nicht selten folgten dann ein paar quietschende Laute, wenn sie es gar nicht mehr aushalten konnte und davon überzeugt war eine Belohnung verdient zu haben.

Als Morgaine jetzt in das Fach des Schrankes spähte fand sie dort unzählige Packungen mit Hundeleckerlies vor, die bestimmt für das ganze, restliche Jahr reichen würden.  Lizzy hatte es wieder komplett übertrieben, aber sie war ihrer Freundin unendlich dankbar dafür, dass sie jetzt nicht mit leeren Händen dastehen musste.

Sie hatte den Schrank noch nicht wieder geschlossen als sie auch schon hörte wie der Schlüssel im Schloss gedreht wurde.

Noch bevor sie den beiden entgegengehen konnte raste ein beiger Blitz auf sie zu und hätte sie fast umgeschmissen, wenn sie sich nicht noch geistesgegenwärtig an der Arbeitsplatte in ihrem Rücken abgestützt hätte.

Bonni bellte und jaulte im Wechsel und sprang immer wieder an ihr hoch. Sie war komplett aus dem Häuschen und erst als Lizzy sie sanft ermahnte, verharrte sie kurz und legte sich schließlich leise wimmernd zu Morgaines Füßen ab.

Ihre Freundin trug eine alte, verwaschene Jeans und hatte sich achtlos ein Sweatshirt übergeworfen, wie es schien, als sie jetzt tränenüberströmt auf Morgaine zuging und sie wortlos in die Arme schloss. Ihre kurzen, blonden Haare, standen wirr von ihrem Kopf ab. An den Füßen trug sie ihre flauschigen, dicken Tigerpantoffeln.

Es war unschwer zu erkennen, dass sie sich einfach das Erstbeste übergeworfen hatte und dann sofort ins Auto gesprungen war. Wahrscheinlich hatte sie in ihrer Aufregung sogar vergessen die Haustür abzuschließen.

Da der dicke Bauch von Morgaine eine enge Umarmung mittlerweile ausschloss, ließ sie schließlich von ihr ab und starrte sie einfach nur an. Kein Wort kam über ihre Lippen, als sie jetzt langsam ihren Blick an Morgaines Körper hinuntergleiten ließ.

Fast ehrfürchtig betrachtete sie das weinrote, edle Kleid, um dann zu ihrem dicken Bauch zurückzukehren.

»Du siehst aus wie eine Prinzessin aus einer anderen Zeit«, sagte sie schließlich und gab ihr zwei Küsschen auf beide Wangen. Dann räusperte sie sich kurz und griff nach dem Kleenex Halter, um sich lautstark die Nase zu schnäuzen. »Dass du mir das ja nie wieder machst«, sagte sie jetzt und drohte spielerisch mit ihrem Zeigefinger. »Du hast mich bestimmt zehn Jahre meines Lebens gekostet. Wo ist überhaupt der tolle Mann?« Fragte sie jetzt und sah sich suchend um.

Doch Morgaine schüttelte nur den Kopf. »Er ist nach wie vor in den Highlands. Der Drache hat nur mich und mein ungeborenes Kind reisen lassen.« Damit strich sie wieder sanft über ihren Bauch, bevor sie sich umdrehte und der Kaffeemaschine zuwandte. »Was ist heute eigentlich für ein Tag?« Fragte sie jetzt, als sie für Lizzy und sich einen Humpen Kaffee einschenkte.

Bonni wich ihr nicht von der Seite und beobachtete jede ihrer Regungen mit Argusaugen.

 Wahrscheinlich befürchtete sie, dass Morgaine sich von jetzt auf gleich in Luft auflösen würde, wenn sie unachtsam war. Dieses Risiko wollte sie unbedingt vermeiden.

Nachdem Morgaine Lizzy die Tassen überreicht hatte griff sie in den oberen Schrank und förderte ein ganzes Paket Hühnerbrust hervor, die die Hündin so sehr liebte.

Mit Bonni im Schlepptau setzte sie sich jetzt auf die gemütliche Patchwork Couch. Ohne zu zögern sprang der Golden-Retriever mit einem Satz an ihre Seite und schielte auf die Leckerei.

Lächelnd öffnete Morgaine die Packung und sah der Hündin dabei zu wie sie genüsslich die ersten Stangen vertilgte. Ihr Köpfchen hatte sie in Morgaines Schoß

gebettet und schnupperte während des Kauens interessiert an ihrem Bauch.

Sanft strichen Morgaines Hände über den Kopf der Hündin und ein großes Glücksgefühl verdrängte kurzfristig die Sorge um Petrik. Wie sehr hatte sie das vermisst. Bonni gehörte zu ihrem Leben wie die Luft zum Atmen und sie würde nie wieder das Risiko eingehen sie nicht mehr wiedersehen zu können. Nur noch ein einziges Mal musste sie zurück, aber das würde genaustens geplant werden. Danach würde sie den Drachen vergraben, das hatte sie sich fest vorgenommen.

»Heute ist Samstag, der 15. Juni«, unterbrach Lizzy jetzt ihre Gedankengänge. Sie hatte es sich zwischenzeitlich in dem bunten Ohrensessel bequem gemacht und hielt ihre Kaffeetasse in den zitternden Händen. Noch immer konnte sie es nicht glauben, dass ihre beste Freundin zurückgekehrt war und ihr jetzt gegenübersaß, als wäre nichts geschehen.

Bonni war zwischenzeitlich auf Morgaines Schoß eingeschlafen. Ihr Köpfchen ruhte auf dem dicken Bauch und nur ein hin- und wieder hervorgebrachter Stoßseufzer ließ sie kurzzeitig aus ihrem Schlaf aufschrecken. Sobald sie jedoch sah wo sie sich befand und dass Morgaine noch da war schlief sie sofort wieder ein.

Minuten des gegenseitigen Schweigens verstrichen, bis Morgaine schließlich als Erste wieder das Wort ergriff.

»Wie lange war ich eigentlich weg?« Fragend sah sie Lizzy an und wartete gespannt auf ihre Antwort.

»Wenn man den heutigen Tag mitrechnet waren es exakt zwei Wochen, mein Schatz. Auch wenn es Bonni und mir wie eine Ewigkeit vorgekommen ist. Zumal wir ja immer davon ausgehen mussten dich nie mehr wiederzusehen.«

Tapfer schluckte sie die neu aufwallenden Tränen hinunter und ging sofort zum Praktischen über.

»Ich habe für das Baby bereits alles besorgt.

Die Wiege in deinem Schlafzimmer hast du ja sicherlich schon gesehen. Dein Gästezimmer habe ich etwas umfunktioniert.

Dort stehen jetzt die Wickelkommode und ein kleiner Babyschrank. Ich habe alles in Weiß gehalten, da ich dachte, dies wäre am neutralsten und würde dir am ehesten zusagen. Ich habe in Frankfurt einen ganz tollen Babyladen ausfindig gemacht und bereits die komplette Erstausstattung nebst Windeln, Flaschen etc. besorgt. Halt mit allem was man so braucht. Die Verkäuferin war ausgesprochen nett und hat mich bestens beraten.«

Hier machte sie eine kurze Pause und sah erneut auf Morgaines Bauch. »Wie gut, dass ich die Dinge immer sofort regele. Wenn ich mir deinen Bauch so ansehe kann es ja wohl wirklich nicht mehr lange dauern bis das Kind kommt. Unglaublich wenn man darüber nachdenkt. Verschwindest für zwei Wochen und kommst hochschwanger wieder. Darum würde dich wohl jede werdende Mutter beneiden.«

Morgaine konnte jetzt erkennen, dass es hinter Lizzys Stirn angestrengt arbeitete. Wahrscheinlich dachte auch ihre Freundin gerade darüber nach wie man ihre fortgeschrittene Schwangerschaft den Leuten erklären konnte. Das größte Problem würden Herr Habernack und ihre Arbeitskollegen werden.

Sie konnte denen wohl kaum weismachen, dass sie von ihrem Zustand die ganze Zeit über nichts gewusst hatte und auf einmal kurz vor der Entbindung stand. Selbst wenn das noch in irgendeiner Weise funktioniert hätte, es gab ja wirklich solche Fälle, stellte sich eine einzige, jedoch nicht zufriedenstellend zu beantwortende, Frage. Wer war der Vater?

Egal wie immer sie es drehte und wendete sie musste zu einer Notlüge greifen. Aber darüber würde sie sich erst in den nächsten Tagen Gedanken machen. Zuallererst musste sie mit Peter in Kontakt treten um in Erfahrung zu bringen was in den Highlands weiter passiert war.

Erst wenn Petrik wieder an ihrer Seite wäre könnte sie sich auf ihr neu beginnendes Leben freuen und konzentrieren.

»Du hast Agnes doch seinerzeit zu Peter gebracht, Petriks Freund«, sprach sie Lizzy jetzt an.

»Da der Drache nicht mehr zu funktionieren scheint möchte ich Peter so schnell wie möglich darum bitten mit Agnes Kontakt aufzunehmen. Laut ihren Worten beschäftigt er sich eingehend mit der Astralwanderung.

Da ich das selbst schon sehr lange nicht mehr gemacht habe und aufgrund meiner Schwangerschaft kein unnötiges Risiko eingehen möchte soll er den Kontakt herstellen. Ich muss wissen wo die beiden sich momentan befinden und was geschehen ist. Sobald das Kind da ist werde ich ein paar Wochen warten und mich dann auf den Weg machen um Petrik zu holen.«

»Du willst dich erneut wieder dieser Gefahr aussetzen?« Lizzy riss empört die Augen auf, beruhigte sich aber sofort wieder, als sie in Morgaines Gesicht blickte.

Natürlich musste ihre Freundin den Mann retten, den sie liebte und der zudem der Vater ihres ungeborenen Kindes war. Sie hätte ganz genauso gehandelt, ungeachtet der gefährlichen Umstände. Trotzdem kroch sofort wieder die altbekannte Angst in ihr hoch, Morgaine erneut in Gefahr zu wissen. Sie wusste sie konnte und durfte auch nicht versuchen ihre Freundin von ihrem Vorhaben abzubringen. Das würde sie ihr niemals verzeihen. Somit musste diese erneute Reise diesmal wirklich bis ins kleinste Detail geplant und bestens vorbereitet werden.

Sie atmete noch einmal tief durch, bevor sie schließlich durch ein Kopfnicken ihre Zustimmung gab.

»Ich kann dich absolut verstehen, Schatz, auch wenn ich schon jetzt ein mulmiges Gefühl bei der Sache habe. Nichtsdestotrotz fahren wir morgen gemeinsam zu Peter und sehen ob er etwas erreichen kann. Sollte das der Fall sein muss er den Kontakt aufrechterhalten, so dass wir immer im Bilde sind wo sich die beiden befinden.

Jetzt sollten wir aber auch mal an die praktischen und absolut notwendigen Dinge denken.

Du musst dringend, am besten direkt am Montag, zu einem Frauenarzt, damit wir wissen wie weit die Schwangerschaft bereits fortgeschritten ist und wann wir mit der Geburt zu rechnen haben. Ich würde vorschlagen du gehst zu Katharina, meiner wirklich sehr guten Frauenärztin, die ich noch aus meiner Studienzeit kenne.

Es wäre dir wahrscheinlich nicht unbedingt recht, wenn du Herrn Dr. Ahrenfeld erklären müsstest wie das passieren konnte. Da du eine langjährige Patientin von ihm bist kennt er deine Krankenakte ja wohl ziemlich genau, zumal du, soweit ich mich erinnern kann, doch erst vor zwei Monaten bei ihm zur Kontrolle warst.

Da würde selbst mir keine überzeugende Ausrede mehr einfallen und das soll was heißen«, grinste sie, bevor sie weitersprach.

»Möglicherweise würde er dich sofort einweisen lassen oder sogar noch Schlimmeres. Im Übrigen hat Katharina ihre Praxis ganz in der Nähe. So müssen wir nicht nach Frankfurt reinfahren und das Risiko, dass du einem deiner Kollegen begegnest bleibt äußerst gering.«

Morgaine nickte. Lizzy hatte absolut recht. Sie musste jetzt zu einem Arzt gehen der sie nicht kannte und daher keine unangenehmen Fragen stellte, die sie nicht beantworten konnte.

»Gut, dann wäre das geklärt. Direkt morgen früh rufe ich Katharina an, damit du sofort für Montag einen Termin bei ihr bekommst. Ich werde mir schon eine glaubwürdige Geschichte einfallen lassen, darüber musst du dir keine Gedanken machen. Das nächste Problem wäre somit Herr Habernack. Ich habe ihm bereits gesagt, dass ihr euren Urlaub verlängern musstet da ihr leider einen Autounfall hattet und Petrik mit einem gebrochenen Bein noch im Krankenhaus liegt. Da der Bruch etwas kompliziert sei könnten die Ärzte noch nicht sagen wann er entlassen wird.« Morgaine sah ihre Freundin jetzt erstaunt und fragend an.

»Tut mir leid, aber mir fiel auf die Schnelle nichts Besseres ein. Ich wollte einfach nur Zeit schinden und da kommt ein Krankenhausaufenthalt doch ziemlich gut«, grinste sie nun verschmitzt.

Morgaine musste jetzt ebenfalls lachen. Ihre Freundin war wirklich mit allen Wassern gewaschen. Ein wenig erinnerte sie sie an Agnes. Auch die alte Schamanin war nie um eine Ausrede verlegen gewesen, wenn es darauf ankam. Sofort breitete sich wieder eine Trauer in ihr aus, die sie nicht dämpfen konnte. Ohne dass sie es verhindern konnte flossen schon wieder die Tränen und sie fing an unkontrolliert zu zittern.

Bonni war sofort hellwach und schaute sie aus ihren großen, braunen Augen verständnislos an. Mit der Zunge leckte sie über Morgaines Hände und versuchte ihr so Trost zu spenden.

Lizzy hatte sich jetzt neben Morgaine auf die Couch gesetzt und legte ihr den Arm um die Schultern. Sie konnte sich nicht im Entferntesten vorstellen was ihre Freundin alles hatte durchmachen müssen. Doch selbst ein Blinder konnte sehen, dass Morgaine fix und fertig war.

»Auch wenn ich vor Neugierde fast platze, schlage ich vor, du gehst jetzt ins Bett und versuchst ein wenig zu schlafen. Ich denke du hast Ruhe jetzt ziemlich nötig. Ich bleibe die Nacht hier und halte Wache.« Als Morgaine stumm protestieren wollte, da sie ihre Freundin nicht überstrapazieren wollte, winkte Lizzy nur ab.

»Noch keine zehn Pferde würden mich heute von dir wegkriegen. Gib dir also erst gar keine Mühe. Ich schlafe im Gästezimmer und lasse die Tür auf, sollte etwas sein. Wäre nett, wenn du mir dann morgen vielleicht ein paar frische Klamotten leihen könntest. Ich sehe bestimmt aus wie eine Vogelscheuche«, sagte sie dann, verdrehte die Augen und fuhr mit den Händen durch ihre in alle Richtung abstehenden Haare.

Wider Willen musste Morgaine lächeln, als sie ihre modebewusste Freundin jetzt ansah. Sie sah wirklich etwas ungewohnt aus, als sie so mit ihren Tigerpantoffeln vor ihr saß. In diesem Outfit und vor allem dieser Frisur, wenn es denn überhaupt eine war, würde Lizzy normalerweise noch nicht einmal nachts zur Mülltonne gehen. Umso mehr freute es sie, dass ihrer Freundin das vollkommen egal gewesen war. Sie hatte einfach alles stehen und liegen gelassen, nur um auf schnellstem Wege zu ihr zu gelangen. Dankbar griff sie jetzt nach Lizzys Hand und drückte sie. »Du weißt gar nicht wie dankbar

ich dir bin, Süße. Ich weiß überhaupt nicht wie ich das jemals wiedergutmachen kann.«

»Quatsch mit Soße«, erwiderte Lizzy nur und zog Morgaine dann energisch vom Sofa hoch. Mit Bonni im Schlepptau marschierten sie gemeinsam die Treppe zu den Schlafräumen hoch.

Als Lizzy Morgaine beim Ausziehen geholfen hatte, was bei diesem Kleid gar nicht so einfach war und sie schließlich in ihrem Bett lag, löschte sie das Licht.

»Wenn irgendetwas ist rufe mich bitte sofort«, sagte sie noch, bevor sie das Zimmer endgültig verließ.

Bonni hatte nicht lange gezögert und war sofort zu Morgaine ins Bett gesprungen. Normalerweise war dies ein absolutes Tabu, das wusste die Hündin auch sehr wohl. Doch Morgaine konnte ihr nicht böse sein. Bonni und Lizzy waren sich wohl einig sie nicht mehr aus den Augen zu lassen.

Die Hündin lag in ihrem Arm und hatte ihr Köpfchen auf Morgaines dickem Bauch abgelegt.

     Mit einem Schmunzeln im Gesicht strich sie ihr über die flauschigen Schlappohren und schlief dann mit einem langen Seufzer ein.

 

 >>Hier erhältlich