Leseprobe Tor ins Schicksal

Leseprobe Tor ins Schicksal

Gegenwart  Mai 2015  

 

Kapitel 1 – Wie alles begann

 

Morgaine erwachte.

Sie war schweißgebadet und noch wie benebelt von dem erlebten Traum. Irritiert rieb sie sich die Augen und hörte seine Stimme, ein Flüstern ganz nah an ihrem Ohr.

»Du gehörst zu mir, wir sind eins, durch alle Zeiten hindurch und für immer, vergiss das niemals!« Ihre Lippen bebten und sie meinte seinen fordernden und alles verschlingenden Kuss zu spüren.

Verwirrt schüttelte sie ihre lange, schwarze Mähne und sprang mit einem resoluten Satz aus dem Bett. Ihre nackten Füße versanken in dem cremefarbenen, hochflorigen Teppich, der ihr Schlafzimmer in eine Wohlfühloase verwandelte.

Dann schnappte sie sich ihren Seidenkimono, der gegenüber ihrem Bett auf einem blumengemusterten, riesigen Ohrensessel lag, und zog ihn über.

Morgaine ging zur Balkontür und öffnete die beiden Flügel, um die kühle Morgenluft hereinzulassen. Für Mai waren die Temperaturen schon recht ordentlich, im Laufe des Tages würde das Thermometer bestimmt wieder die 25 Grad Marke erreichen. Da tat die frische Brise gut.

Ihr Blick glitt über ihren wunderschönen Garten, den sie mit sehr viel Liebe gestaltet hatte, als sie vor einem Jahr in dieses gemietete Haus eingezogen war. Hohes, weißes und rosafarbenes Pampasgras säumte den gewundenen, kleinen Weg, der sich von ihrer Terrasse aus, bis hinunter zu dem selbst angelegten Teich schlängelte.

Auf der rechten Seite des Weges befand sich eine gemütliche, rot gestrichene Holzbank, umrahmt von einem Kirsch- und zwei Apfelbäumen, die in voller Blüte standen. Dies war ihr Lieblingsplatz.

Ein sanftes Kratzen an der Schlafzimmertür riss sie aus ihren Betrachtungen. Sie drehte sich um und zog die schwere Holztür auf, die nur angelehnt war. Schwanzwedelnd stand ihre 6- jährige Golden-Retriever-Hündin vor ihr und guckte sie mit riesigen Augen herzerweichend an.

»Na meine Süße, da bist Du ja,« sagte Morgaine, beugte sich hinunter und strich der Hündin sanft über den Kopf, was diese mit einem feuchten Hundekuss erwiderte. »…und jetzt willst Du frühstücken, nicht wahr, na dann komm,« lachte sie und ging Richtung Treppe, die zum unteren Geschoss führte.

Die Hündin folgte ihr gehorsam, überholte sie auf der zweiten Treppenstufe und raste in der für sie typischen Unbekümmertheit die Treppe hinab, Richtung Küche.

Nachdem sie Bonni gefüttert hatte, bereitete Morgaine sich einen Milchkaffee zu. Dies war immer ihr erstes Highlight am Morgen.

Bewaffnet mit ihren Zigaretten und dem grandios duftenden Kaffeebecher, schritt sie durch ihr Wohnzimmer, Richtung Terrassentür.

Die Hündin heftete sich an ihre Fersen. Sie konnte nicht schnell genug durch die geöffnete Tür sprinten und raste dann in den Garten hinaus.

Morgaine machte es sich unterdessen in einem Korbsessel bequem und verfolgte das Toben der Hündin mit einem Lächeln im Gesicht. Nachdenklich zog sie an ihrer Zigarette und genoss den ersten Schluck Kaffee. Der Traum von letzter Nacht ging ihr nicht mehr aus dem Kopf. Alles war so realistisch, als hätte sie es wirklich erlebt. Wer war dieser Mann? Sie hatte das Gefühl ihn ewig zu kennen, alles war so vertraut.

Bei dem Gedanken daran, wie er sie berührte und was dann geschehen war, stieg ihr die Röte ins Gesicht. Sie war total verwirrt und spürte eine gewisse Sehnsucht in sich aufsteigen. Mein Gott, wie konnte ein Traum solche Gefühle in ihr auslösen. Schluss damit schalt sie sich selbst, auf Dich wartet ein anstrengender Tag. Wieso sollte sie sich solche Gedanken über einen Traum machen, es war doch nur ein Traum, basta. Entschlossen ging sie zurück ins Haus und machte sich auf den Weg unter die Dusche.

Morgaine war Lektorin in einem großen Verlagshaus, zuständig für die Kinderbücher. Ihre Hauptaufgabe bestand darin, Autoren zu betreuen, mit ihnen ihre Texte zu besprechen und Änderungen vorzuschlagen. Die Arbeit machte ihr sehr großen Spaß und da war es ihr auch nicht wichtig, dass sie keine geregelten Arbeitszeiten hatte.

Mit einem raschen Blick auf die Uhr verschwand Morgaine nach der Dusche in ihrem Ankleidezimmer. Jetzt musste sie sich sputen, sie hatte viel zu lange mit ihren Gedanken in ihrem merkwürdigen Traum verharrt. In einem dunkelblauen Kostüm, mit weißer Bluse und hohen, farblich passenden Pumps, betrat sie kurze Zeit später wieder die Terrasse und rief Bonni zu sich.

»So meine Süße, es wird Zeit, die Hundesitterin wartet schon auf Dich.« Das ließ Bonni sich nicht zweimal sagen, sie liebte die ältere Dame von Herzen.

Morgaine schwang sich ihre Handtasche, die an der Garderobe hing, über die Schulter, nahm den Schlüsselbund vom Schlüsselbrett und verließ ihr Haus. Die Hündin war bereits vor ihr am Auto und sprang ganz aufgeregt auf und ab. Sie freute sich schon sehr auf den langen Spaziergang im Wald, der mit Sicherheit heute wieder auf dem Programm stand.

Morgaine hatte Bonni von einer ehemaligen Nachbarin übernommen, die völlig überfordert mit den fünf quirligen Hundewelpen war. Sie hatte überhaupt nicht mitbekommen, dass ihre Hündin trächtig war, und staunte daher nicht schlecht, als sie eines Morgens die Welpen vorfand. Die Kleinen waren gerade drei Wochen alt, als Morgaine sie zum ersten Mal zu Gesicht bekam. Es war Liebe auf den ersten Blick, als Bonni auf noch sehr wackeligen Beinchen auf sie zugelaufen kam. Sie schnupperte neugierig an ihrem Bein und als Morgaine das wuschelige, blonde Wollknäuel hochnahm, schmiegte sie sich direkt in ihre Armbeuge und schlief augenblicklich ein.

Nachdem sie von der Hundemama entwöhnt war, durfte sie bei Morgaine einziehen, mit dem Versprechen, dass die Nachbarin sich um sie kümmerte, wenn Morgaine arbeitete. Das funktionierte reibungslos, bis der Umzug anstand.

Doch Morgaine hatte wahnsinniges Glück, als sich auf ihre Stellenanzeige direkt Frau Winter meldete. Die ältere Dame war seit Jahren Rentnerin und liebte Hunde über alles, traute sich aber nicht mehr zu, einen eigenen zu halten, mit all der Verantwortung, die dies mit sich brachte. Da sie aber nicht ganz auf einen Vierbeiner verzichten wollte, suchte sie einen Job als Hundesitterin.

Nach der ersten Begegnung war man sich sofort einig. Bonni sprang übermütig an Frau Winter hoch und hatte die alte Dame sofort in ihr Herz geschlossen. Nachdem Morgaine ihre Hündin jetzt bei Frau Winter abgegeben hatte, machte sie sich auf den 30- minütigen Weg nach Frankfurt zu ihrem Arbeitgeber.

Nicht ahnend, dass dieser Tag ihr bis dahin relativ geordnetes Leben komplett auf den Kopf stellen würde und sie keinerlei Chance hatte, diesem Schicksal zu entrinnen.

 

Kapitel 2 – Die erste Begegnung

 

Wie immer gestaltete sich die Parkplatzsuche nervenaufreibend und jedes Mal aufs Neue war Morgaine froh, dass sie außerhalb der Großstadtmetropole in einem stillen und landschaftlich traumhaft schönen Vorstädtchen wohnte.

Gerade noch rechtzeitig erschien sie zum anberaumten Verlagsmeeting. Ihr Terminkalender für heute war ohnehin sehr voll und so hoffte sie im Stillen, dieses Meeting schnell hinter sich zu bringen.

Nach endlosen Diskussionen, welches der drei von ihren vorgeschlagenen Kinderbüchern denn nun herausgebracht werden sollte, war man sich endlich einig geworden. Morgaine hätte gerne allen drei Büchern diese Chance gegeben, zumal es sich um vielversprechende Jungautoren handelte, aber das letzte Wort hatte nun mal die Verlagsleitung.

Nach zumindest teilweise gewonnener Schlacht, machte sie sich mit einem frischen Kaffee bewaffnet, auf in ihr Büro. Sie hatte in einer Stunde einen Termin mit einem angehenden Kinderbuchautor und wollte noch einmal in Ruhe ihre Anmerkungen und Verbesserungsvorschläge durchgehen.

Sein Manuskript hatte sie in der letzten Nacht noch zu Ende gelesen, bevor sie, halt, da war er wieder, der Traum der letzten Nacht, wieso musste sie immer wieder daran denken?

Prompt stellte sich erneut dieses merkwürdige Gefühl ein, was war nur los mit ihr? War sie derart überarbeitet, dass sie nicht mehr klar denken konnte, oder war es ein Gefühl der Einsamkeit, dass sie immer wieder an diesen Mann denken ließ?

Morgaine war Single und das nun schon seit zwei Jahren. Nicht, dass es an Angeboten gemangelt hätte. Mit ihren 1,76 Meter und der sehr schlanken Figur, zog sie so manche Männerblicke auf sich. Männer fanden sie ausgesprochen attraktiv und machten auch selten einen Hehl daraus, sie ins Bett kriegen zu wollen. Da Morgaine eine ausgesprochen romantisch veranlagte Frau war, hatte sie von solchen Angeboten die Nase gestrichen voll und hatte beschlossen, der Männerwelt erst einmal den Rücken zu kehren.

Dass was sie sich vorstellte, gab es wohl nur im Film oder in schön geschriebenen Büchern, das entsprach in keiner Form der Realität, wie sie mehrmals hatte feststellen müssen. Vielleicht waren ihre Ansprüche auch einfach zu hoch, was die wahre Liebe betraf.

Langeweile kannte sie hingegen trotzdem nicht. Sie hatte wirklich vielerlei Interessen, einen netten kleinen Freundeskreis und natürlich Bonni. Damit hatte sie sich in den letzten zwei Jahren auch sehr gut arrangiert und absolut nichts vermisst. Warum dann jetzt dieser Traum, der sie nicht mehr losließ?

Machte sie sich vielleicht doch nur etwas vor, versuchte, sich abzulenken, und war in Wirklichkeit immer noch auf der Suche nach, ja nach was eigentlich? Nach der Erfüllung, nach ihrer zweiten Hälfte oder wie immer man das nannte, wenn es so etwas überhaupt gab?

Die Esoteriker sprachen von Dualseelen, darüber hatte sie mal gelesen. Aber die zu finden war wohl schwieriger als ein 6er im Lotto, und wer das Glück hatte, sie gefunden zu haben, für den fing dann eine Leidenszeit an, Glück und Schmerz im Wechsel.

So zumindest hatte sie es gelesen und auf sowas konnte sie nun wirklich verzichten. Ein kurzer Gedanke an ein langes zurückliegendes Gespräch mit ihrer Großmutter, tauchte plötzlich auf. Auch Oma Luise hatte ihr als kleines Kind mal von Dualseelen erzählt. Verwirrt und auch ärgerlich schüttelte sie den Kopf.

Reiß dich zusammen und vergiss diesen Quatsch, mahnte sie sich selbst.

Das Gespräch mit Herrn Obermeier verlief sehr positiv, ihre angebrachten Verbesserungsvorschläge wurden dankbar aufgenommen. Herr Obermeier war ein 36-jähriger, zweifacher Familienvater, der sein Hobby zum Beruf machen wollte. Seine Frau, eine angesehene Rechtsanwältin, sorgte für das Auskommen der Familie. Er hatte daher den Part des Hausmannes übernommen und konnte sich somit in den freien Stunden seiner Berufung widmen.

Schon als zehnjähriger Junge hatte er heimlich Gedichte geschrieben. Das Schreiben lag ihm förmlich im Blut und seine Phantasie kannte keine Grenzen.

Das vorliegende Manuskript handelte von zwei kleinen Bären, die auf der Suche nach ihrer Mutter waren, nachdem ein Unwetter sie in den Rocky Mountains voneinander getrennt hatte. Morgaine mochte diese Geschichte sehr, sie war mit so viel Herzblut geschrieben. Sie war überzeugt davon, dass er auf dem Kinderbuchmarkt ganz groß rauskommen würde.

Ein Klopfen an der Tür riss sie aus ihren Gedanken. Martha, die schon etwas ältere Dame vom Empfang, stand in der Tür.

»Bitte entschuldige die Störung, Morgaine, aber in einer Viertelstunde ist dein Büro dran.« »Vielen Dank Martha, das hatte ich fast ganz vergessen, wir sind auch gleich fertig hier,« erwiderte Morgaine und nickte ihr dankbar zu. Martha schloss die Tür und mit einem Lächeln im Gesicht wandte sie sich wieder ihrem Jungautor zu.

»Wir haben die nächsten zwei Wochen die Maler im Haus, da wird es hier wohl etwas ungemütlich werden. Ich darf jetzt erstmal für die nächsten drei Tage in den kleinen Besprechungsraum umziehen. Dafür wird es dann aber umso schöner, wenn mal alles fertig ist.«

Herr Obermeier erhob sich aus dem roten Clubsessel, der dem ihren gegenüberstand und verstaute sein Manuskript in der mitgebrachten braunen Aktentasche. »Ja, renovieren ist, wie umziehen, das haben meine Frau und ich erst letztes Jahr hinter uns gebracht. Wir haben eine Woche lang gemeinsam mit den zwei Kindern, unseren beiden Katzen und dem Hund im Wohnzimmer geschlafen. Die obere Etage wurde komplett renoviert,« lachte er. »Für die Kinder war das, wie campen, wenigstens die hatten ihren Spaß dabei.«

»Ich bin froh, dass es nur den Verlag betrifft und ich zu Hause meine Ruhe habe«, erwiderte Morgaine. »Wir sehen uns also in einer Woche wieder, nachdem sie ihr Manuskript entsprechend überarbeitet haben, ja? Ich freue mich schon sehr darauf, ihre Geschichte meinem Verlagsleiter zu präsentieren.« Morgaine stand ebenfalls auf, brachte Herrn Obermeier zur Tür und gab ihm zum Abschied die Hand.

»Dann bis in 7 Tagen Frau Wellner, sie können sich gar nicht vorstellen, wie sehr ich mich erst freue.« Mit diesen Worten trat er lachend aus dem Büro und verschwand in dem langen Flur, der zum Aufzug führte.

Fünf Minuten später klopfte es erneut an ihrer Bürotür und der Hausmeister trat ein. Er wurde von zwei jungen Studenten begleitet, die gerade ein Praktikum im Verlag absolvierten.

»Guten Morgen Morgaine,« grüßte er. »Gib uns eine halbe Stunde und dann kannst du den kleinen Konferenzraum beziehen. Sollen wir die Sitzecke auch rüber schaffen?«

»Guten Morgen zusammen. Nein danke Alfons, Schreibtisch und Bürostuhl reichen für die drei Tage. Wenn ihr alles andere nur abdeckt, wäre das prima. Ich hole nachher noch ein paar Akten, die ich brauche, der Rest kann hierbleiben. In der Zwischenzeit findet ihr mich bei Starbucks, sollte jemand nach mir fragen. In einer halben Stunde bin ich zurück.«

»In Ordnung Mam,« lachte Alfons und machte sich mit den beiden jungen Männern ans Werk. Mit einem zwinkernden Auge schnappte sich Morgaine ihre Handtasche und verließ den Raum. 

 Als sie aus dem Verlagsgebäude trat, begrüßte sie strahlender Sonnenschein. Auf dem firmeneigenen Parkplatz standen zwei Sprinter einer Malerarbeitsfirma. Plötzlich durchzuckte sie wieder dieses merkwürdige Gefühl, ihre Beine gehorchten ihr nicht mehr. Sie blieb wie angewurzelt stehen und wie unter Zwang, drehte sie sich um.

Der Laderaum eines der beiden Sprinter war geöffnet und sie konnte die Beine eines Mannes erkennen, der sich darin zu schaffen machte. Kurz leuchtete ein grauer Haarschopf auf und dann schloss der Mann die Ladeklappe, drehte sich in ihre Richtung und starrte sie an. Morgaine hatte das Gefühl, keine Luft mehr zu bekommen. Ihr Verstand setzte aus, sie war wie hypnotisiert. Die grünen Augen des Mannes bohrten sich in ihre, als er jetzt langsam auf sie zukam. Bedächtig setzte er einen Schritt vor den anderen und musterte sie von Kopf bis Fuß.  

Morgaine fühlte sich nackt in diesem Moment und bevor er sie erreichen konnte, gewann sie die Oberhand über ihre Beine zurück, machte kehrt und rannte weg vom Parkplatz, Richtung Fußgängerzone.

Sie drehte sich nicht um, spürte aber seinen brennenden Blick in ihrem Nacken. Ihr ganzer Körper vibrierte, sie stand förmlich in Flammen und zitterte am ganzen Leib.

Völlig atemlos und kreidebleich betrat sie wenige Minuten später das Starbucks Café. Schnell bestellte sie sich einen Kaffee und setzte sich an einen Tisch in der hintersten Ecke. Ihre Hände zitterten, als sie die Tasse zum Mund führte, prompt verbrannte sie sich an dem heißen Getränk.

Oh mein Gott, das ist doch nicht möglich, das gibt es doch gar nicht, schoss es ihr durch den Kopf. Der Mann aus ihrem Traum, das war wirklich der Mann aus ihrem Traum. Natürlich sah er etwas anders aus, vor allem in seinem Maleranzug, aber diese Augen, dieser Blick. Auch wenn sie sich nicht mehr an alle Details des Traumes erinnern konnte, war sie sich ganz sicher, dass er es war.

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Morgaine hatte schon immer einen Hang zu übernatürlichen und mystischen Dingen. Ihre Großmutter war eine sehr spirituelle Frau, die die kleine Morgaine in viele Dinge eingeweiht hatte. Für sie war es ganz natürlich, mit Verstorbenen zu sprechen oder von denen besucht zu werden. Sie erzählte ihr von der Reinkarnation und dass die Seelen, die zusammengehören, sich oftmals wiedertreffen, um ein weiteres, gemeinsames Leben auf der Erde zu leben.

Manchmal, um gemeinsam zu lernen und zu wachsen, manchmal, um aus einem früheren Leben etwas abzutragen und ganz selten, um einfach zusammen zu sein, und das Miteinander im Körper in vollen Zügen zu genießen. Das war eine Absprache, die sie getroffen hatten, bevor sie in ein neues Leben eintauchten.

Oma Luise erzählte ihr, dass das Höchste, was sie erleben könne, das Zusammentreffen mit ihrer Dualseele sei.

Als Morgaine fragte, wie sie die denn erkennen könne, schlich ein wissendes Lächeln über das sanfte Gesicht ihrer Großmutter. »Mein Kind, wenn es so weit ist, wirst du sie sofort erkennen, glaube mir. Man kann das Gefühl nicht beschreiben. Du kannst es nur fühlen, mit jeder Faser deines Körpers.

Achte auf die Augen, sie verändern sich nicht im Laufe der Jahrtausende. Du blickst durch sie direkt hinab in die Seele und dann weißt du es mit absoluter Bestimmtheit. 

Oft kündigt sich das Wiedersehen auch durch einen vorangegangenen Traum an. Ein Traum, von dem du glaubst, dass es gar keiner war. Achte immer auf deine Träume mein Kind, sie bereiten dich darauf vor, denn eines ist ganz sicher.

Du wirst Deine Dualseele in dieser Inkarnation wiedertreffen, das habt ihr beide so beschlossen. Freue dich darauf, aber stelle dich auch darauf ein, dass es eine sehr schmerzliche Erfahrung werden kann.«

Diese Worte ihrer bereits vor 13 Jahren verstorbenen Großmutter kamen ihr wieder in den Kopf, als Morgaine an ihrem mittlerweile kalt gewordenen Kaffee nippte.

Oma Luise hatte das zweite Gesicht. Die Erinnerung an die wunderschöne Zeit, wenn sie als Kind ihre Schulferien im Hause ihrer Großeltern verbrachte, machte sie wehmütig. Sie hatte ihre Oma über alles geliebt und hatte lange gebraucht, um über ihren Tod hinwegzukommen.

Das Haus war immer voller Leben, die Leute wollten die Zukunft vorhergesagt bekommen, und baten oft um Hilfe in verfahrenen Situationen. Oma Luise hatte für jeden ein offenes Ohr, sie half, wo immer sie nur konnte und das mit einer Güte und Liebe, wie Morgaine es nach ihrem Tode von keinem anderen Menschen mehr erfahren hatte.

Tief in Gedanken versunken schreckte sie auf, als ihr Handy klingelte. »Morgaine, hier ist Martha. Alfons sagte mir, dass du bei Starbucks bist. Du hast deinen Termin vergessen. Du weißt schon, Frau Hermann.

Ich habe sie in den kleinen Besprechungsraum gebeten und ihr gesagt, dass du noch in einem anderen Gespräch bist, was sich leider etwas in die Länge gezogen hat.« »Oh Martha, ich habe total die Zeit vergessen, du bist wirklich eine Perle, ich komme sofort.« Mit diesen Worten beendete sie das Gespräch, packte ihre Sachen zusammen und verließ schnellen Schrittes das Lokal.

Glücklicherweise waren es nur fünf Minuten Fußweg bis zum Verlagshaus. Wie konnte sie nur so die Zeit vergessen? Das war ihr noch nie passiert. Sie war dafür bekannt, stets sehr verlässlich und pünktlich zu sein. Das war die Schuld dieses Mannes, verflixt nochmal, er hatte sie komplett aus dem Konzept gebracht. Dabei hatte er noch nicht einmal mit ihr gesprochen, geschweige denn sie berührt, nur seine Augen hatten sie fixiert, die Augen aus ihrem Traum.

Schluss jetzt, mahnte sie sich selbst, sie hatte ein ziemlich unangenehmes Gespräch mit Frau Hermann vor sich, da musste sie bei klarem Verstand sein. Bestimmt würde sie diesem Mann sowieso nicht mehr begegnen.

Das wäre auch mehr als peinlich, bei ihrem Abgang, gar nicht auszudenken, wenn er sie womöglich auch noch darauf ansprechen würde. Sie musste tunlichst vermeiden, sich in der Nähe der Maler aufzuhalten. Sie wusste genau, wann welcher Raum an die Reihe kam und somit konnte sie das gut planen.

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Hoch erhobenen Hauptes und mit durchgedrücktem Rücken trat sie durch den Eingang des Verlagshauses und marschierte zielstrebig auf den gegenüberliegenden Aufzug zu.

Das komplette Bürogebäude, welches aus zwei Etagen bestand, gehörte dem Verlag.

 

  Kapitel 3 – Der Drache-

 

Das komplette Bürogebäude, welches aus zwei Etagen bestand, gehörte dem Verlag.

Im unteren Geschoss befanden sich lediglich der Empfang und mehrere, kleinere Sitzecken, flankiert von mannshohen Palmen. Die Büros der Angestellten und die beiden großen Besprechungsräume waren im 1. Stock untergebracht.

Der 2. Stock beherbergte die Büros der Geschäftsleitung, zudem zwei kleinere Besprechungsräume. Einen dieser Räume hatte man für Morgaine für die nächsten drei Tage als Büro umfunktioniert.

Sie stieg aus dem Aufzug, bog links um die Ecke und schritt auf die letzte, der auf der linken Seite vom Gang abgehenden Bürotüren zu.

Frau Hermann stand auf, als Morgaine den Raum betrat und gab ihr zur Begrüßung die Hand. An ihrem Gesichtsausdruck konnte sie unschwer erkennen, dass ihr Gegenüber nicht gerade die beste Laune hatte.  

Das Manuskript, welches offen auf dem Tisch lag, entsprach leider in keiner Weise den Vorstellungen, die der Verlag an seine Autoren hatte. Sowohl inhaltlich, als auch stilistisch war die Geschichte die reinste Katastrophe. Morgaine hatte sich bereits diesbezüglich bei Frau Hermann geäußert, aber die junge Dame war da ganz anderer Meinung und machte diese auch auf sehr dominante Art deutlich.

Nach zwei mühseligen Stunden, in denen Morgaine ihr immer wieder die Sachlage erklärt und Verbesserungsvorschläge gemacht hatte, eskalierte die Situation. Frau Hermann sprang wutentbrannt auf, packte ihr Manuskript und stürmte ohne Gruß aus der Tür.

Solche Auftritte waren glücklicherweise sehr selten, zerrten sie doch ziemlich an den Nerven und der Geduld.  

Jetzt brauche ich erst einmal einen starken Kaffee, dachte Morgaine und machte sich auf in Richtung Küche, die direkt neben dem Aufzug untergebracht war. Aber auch hier war ihr das Glück heute nicht hold. Anscheinend hatte noch niemand ein Bedürfnis nach Kaffee verspürt. Die Maschine stand verlassen da.

Überhaupt war es heute sehr ruhig, wahrscheinlich hatten die meisten ihrer Kollegen Außentermine wahrzunehmen. So machte sie sich an die Arbeit, die Maschine zu befüllen. Fünf Minuten später erfüllte ein wundervoller Kaffeeduft den Raum.

Sie war gerade dabei, sich eine Tasse aus dem Schrank zu nehmen, als sie mitten in der Bewegung erstarrte.

»Hallo Prinzessin«, ertönte eine tiefe Stimme hinter ihr. Unfähig sich umzudrehen, hielt sie die Luft an und verharrte bewegungslos, den Blick starr auf den Schrank gerichtet.

Ein Stromschlag durchfuhr ihren Körper, als ein Arm an ihrem Kopf vorbei griff, zwei Tassen aus dem Schrank nahm, und sie neben der Kaffeemaschine platzierte.

»Ich bin mir nicht sicher, wie du deinen Kaffee heute trinkst.« Wieder die tiefe Stimme, diesmal dicht an ihrem Ohr.

Langsam drehte sich Morgaine um und starrte direkt in die Augen des Mannes aus ihrem nächtlichen Traum. Sie erwiderte wortlos seinen Blick, da sie nicht wusste, was sie sagen sollte. Ihr Gehirn war wie leergefegt und ihr Magen rebellierte, sie hatte das Gefühl, sich gleich übergeben zu müssen. Ihre Beine waren wie Pudding und drohten ihr den Dienst zu versagen.

Als hätte der Mann es bemerkt, berührte er sie leicht am Ellenbogen und führte sie langsam zu einem Stuhl in der kleinen Sitzecke der Küche. Er goss sich einen Kaffee ein, schwarz wie sie kurz registrierte, und nahm ihr gegenüber Platz.

»Du hast mir immer noch nicht gesagt, wie du deinen Kaffee heute trinkst, Prinzessin«, lächelte er sie jetzt an. »Nur mit Milch bitte«, kam es stockend von Morgaine.

Erneut ging der Fremde zur Kaffeemaschine und brachte ihr die gewünschte Mischung. Dann nahm er wieder ihr gegenüber Platz.

 »Du weißt doch genau, wer ich bin, nicht wahr?« Eröffnete der Mann erneut das Gespräch. Morgaine schüttelte hilflos den Kopf. Wusste sie es wirklich? Das konnte alles nicht sein. Gleich würde der Wecker klingeln und sie erwachte aus diesem Traum, das hier konnte ja kaum die Realität sein.

»Tut mir leid, wenn ich so direkt bin Prinzessin. Ich war heute Morgen auch ziemlich überrascht, als du so plötzlich vor mir gestanden hast. Damit hatte ich in diesem Moment absolut nicht gerechnet, aber ich wusste, dass du da bist. Ich habe dich schon lange in meiner Nähe gespürt und es war nur noch eine Frage von Tagen, bis wir uns endlich wiederbegegnen würden.

Erst letzte Nacht haben wir uns doch im Traum getroffen, in einer anderen Zeit. Da wusste ich, dass unser Treffen in dieser Inkarnation kurz bevorsteht. Du erinnerst dich doch an diesen Traum und er lässt dir keine Ruhe, nicht wahr?«

Lächelnd nippte der fremde, und doch so vertraute Mann an seinem Kaffee und sah Morgaine dabei tief in die Augen. Noch immer sprachlos starrte sie nur weiter in sein Gesicht. Wie konnte er das wissen, wie konnte er denselben Traum gehabt haben? Was geschah hier? Wieder musste sie an die Worte Ihrer Großmutter denken, damals vor langer Zeit.

 »Du wirst deine Dualseele in dieser Inkarnation wiedertreffen, das habt ihr beide so beschlossen.«

   Sollte das wirklich wahr geworden sein? War dieser Mann ihr gegenüber ihre Dualseele?

Morgaine hatte sich viele Jahrzehnte mit übersinnlichen Dingen beschäftigt. Dank ihrer Großmutter hatte sie ein beträchtliches Grundwissen und Verständnis für diese Dinge entwickelt. Im Laufe der Jahre hatte sie viele interessante Menschen aus dieser »Szene« kennengelernt und ihren Horizont erweitert.

Das war bis zum heutigen Tag immer ihr Hobby geblieben und hatte in ihrem Job nichts zu suchen. Als Lektorin war sie überaus professionell und sehr erfolgreich. Doch glaubte sie ohne Vorbehalt an die Reinkarnation und hatte auch schon viele, persönliche Erfahrungen mit Geistwesen gemacht. Dualseelen hatten sie immer fasziniert und eine starke Sehnsucht nach ihrer eigenen wurzelte tief in ihrem Inneren.

Jahrelang war sie auf der Suche gewesen und oft hatte sie gedacht, endlich das gefunden zu haben, wonach sie sich sehnte, doch leider entpuppten sich diese Beziehungen immer als reine Katastrophen. Nach zwei gescheiterten Ehen hatte sie die Suche dann aufgegeben und ihre Sehnsucht tief in ihrem Herzen vergraben, zumal sie von ihren Freunden, ob ihrer Romantik, oft belächelt wurde. Und jetzt saß ihr dieser Mann gegenüber und auf einmal sollte das alles wahr geworden sein?

Petrik registrierte mit einer gewissen Genugtuung, wie sich die Gedanken in Morgaines Kopf förmlich überschlugen. Er konnte in ihr lesen wie in einem offenen Buch, schließlich kannten sie sich seit Ewigkeiten und waren schon immer EINS, aber das durfte er ihr jetzt noch nicht sagen.

Viel besser wäre es, sie würde sich selbst erinnern und die Wahrheit sehen. Er war davon überzeugt, dass dies auch bald geschehen würde, er musste nur noch die entsprechenden Fäden ziehen. Nachdem er jetzt fast fünfzig Jahre auf sie gewartet hatte, würde er sie nicht mehr gehen lassen, egal wie schwierig die Umstände momentan auch waren, aber auch das durfte sie noch nicht erfahren. 

Just in diesem Moment hörte Morgaine, wie sich der Aufzug ihrem Stockwerk näherte und sich kurz darauf die Türen öffneten. Sekunden später stand Alfons in der Küche.

»Hhmm, das duftet aber verführerisch, genau das, was ich jetzt brauche«, sagte er und goss sich kurzerhand eine Tasse Kaffee ein. Sein Blick glitt fragend von Morgaine zu dem Maler, den er erst jetzt registrierte und eine Sorgenfalte bildete sich auf seiner Stirn.

Alfons mochte Morgaine sehr und hatte immer das Gefühl, auf sie aufpassen zu müssen. Mit seinen knapp 63 Jahren versuchte er, ihr den Vater zu ersetzen, den sie vor fast zwei Jahren durch einen tragischen Unfall verloren hatte.

Er witterte sehr schnell Gefahr und vor allem, wenn es um Männer ging, war er gnadenlos. In seinen Augen war kein Mann gut genug für sie und daraus machte er auch keinen Hehl.

Immer wieder hatte dieses Verhalten zu teilweise schweren Auseinandersetzungen zwischen ihm und Morgaine geführt, aber sie konnte ihm nicht lange böse sein. Sie wusste ja, dass er es nur gut meinte und leider hatte er mit vielen seiner Einschätzungen am Ende recht behalten.

Morgaine arbeitete nun bereits seit 15 Jahren in diesem Verlagshaus und die beiden kannten sich sehr gut. Wie oft hatte sie abends auf seiner Couch gesessen und ihm von ihrem Liebeskummer erzählt. Alfons war ein sehr guter Zuhörer und die Gespräche und Ratschläge von ihm taten ihr gut. Manchmal war er ihr Fels in der Brandung, wenn sie einfach nicht mehr weiterwusste.

Der Blick, mit dem er den fremden Mann an ihrem Tisch nun musterte, bedeutete nichts Gutes, das konnte Morgaine sofort sehen. Alfons war in Alarmbereitschaft, auch wenn er wahrscheinlich gar nicht wusste, warum.

»Ich wollte nur kurz nachsehen, ob du mit dem Besprechungsraum für die nächsten drei Tage leben kannst, so wie wir ihn hergerichtet haben, Morgaine?« Sie erwachte aus ihrer Starre und nickte ihm dann freundlich zu.

»Alles bestens Alfons, das habt ihr ganz prima gemacht. Ich muss jetzt auch wieder weitermachen. Habe mir nur schnell einen Kaffee gegönnt, nach dem anstrengenden Gespräch mit Frau Hermann.«

Mit diesen Worten erhob sie sich vom Tisch, stellte ihre Tasse in die Spülmaschine und verließ die Küche, ohne dem Fremden noch einen weiteren Blick zu gönnen.

Sie spürte die Blicke der beiden Männer in ihrem Rücken wie Nadelstiche. Der von Alfons war ein einziges Fragezeichen, der Blick des Mannes wissend, dies spürte sie genau.

In ihrem Übergangsbüro angekommen, ließ sich Morgaine erst einmal in ihren Schreibtischstuhl fallen. Sie fühlte sich komplett ausgelaugt, total verwirrt und konnte keinen klaren Gedanken mehr fassen. Kurz entschlossen griff sie zum Telefonhörer und verlegte den 14:00 Uhr Termin auf morgen früh. Sie war jetzt nicht mehr in der Lage, noch irgendeinem Gespräch zu folgen, geschweige denn, aktiv daran teilzunehmen.

Gerade als sie nach ihren Autoschlüsseln griff und sie in ihrer Handtasche verstauen wollte, wurde die Bürotür mit einem Ruck geöffnet und der fremde Mann stand vor ihr.

Morgaine erstarrte in ihrer Bewegung und spürte wieder dieses merkwürdige Gefühl in sich aufsteigen, welches sie förmlich handlungsunfähig machte.

Der Mann schloss leise die Tür hinter sich und kam langsam auf sie zu. Vor ihrem Schreibtisch schließlich blieb er stehen. »Du kannst nichts dagegen tun und es schon gar nicht aufhalten, Prinzessin. Genauso wenig wie ich das kann.«

Mit diesen Worten griff er in seinen Nacken und löste eine Silberkette von seinem Hals. An der Kette hing ein Anhänger, den Morgaine aus dieser Entfernung allerdings nicht genau erkennen konnte.

Bevor sie noch überhaupt reagieren konnte, war der Mann schon um den Schreibtisch herumgekommen, hatte sich hinter sie gestellt und war gerade dabei, den Verschluss der Kette an ihrem Hals zu schließen. Morgaine hatte das Gefühl, ihr Körper würde von Stromschlägen durchgeschüttelt, als er ihre Haut berührte. Die Stelle brannte sofort wie Feuer und mit Erschrecken stellte sie fest, dass ihr Körper mehr wollte.

Als wenn der Fremde das spüren würde, ließ er seine Hand ganz langsam und sehr sinnlich von ihrem Hals ihren Rücken hinunter wandern. »Darauf habe ich so lange gewartet, meine Prinzessin, dich endlich wieder berühren zu können, nach der endlos langen Zeit.«

Als hätte er sich an ihrem Körper verbrannt, nahm er seine Hand mit einem Ruck von ihrem Rücken und trat wieder vor den Schreibtisch.

Seine Augen waren verdunkelt und Morgaine konnte sehen, wie er um Beherrschung rang. Ihr ging es da nicht anders und das beunruhigte sie enorm. »Der Drache gehört zu dir meine Schöne und auch er hat lange auf dich gewartet, genau wie ich. Du darfst ihn nicht mehr ablegen, versprich mir das. Er wird dir die Träume schicken, die dir alles erklären, die

Erinnerung wiedergeben und er hilft unserer Verbindung in dieser Inkarnation.«

Mit diesen Worten und ohne sich noch einmal zu ihr umzudrehen, verließ er eiligen Schrittes den Konferenzraum.

Zurück blieb eine zutiefst verunsicherte, verwunderte und emotional vollkommen aufgelöste Morgaine.

Später konnte sie nicht mehr genau sagen, wie sie eigentlich nach Hause gekommen war. Fluchtartig hatte sie das Büro verlassen, war in ihren roten Wrangler Jeep gestiegen und auf die Schnellstraße gebraust. Nachdem sie Bonni bei der Hundesitterin abgeholt hatte, war sie noch schnell einen Discounter angefahren, um eine Flasche Rotwein zu besorgen. Die brauchte sie heute Abend ganz dringend.

Dann stand sie plötzlich vor ihrem Haus und konnte nicht schnell genug die Haustür hinter sich schließen.

»My Home Is My Castle«, nie zuvor hatte dieser Satz eine solche Bedeutung für Morgaine gehabt. Völlig erschlagen, streifte sie ihre Pumps im Flur ab und ließ sie einfach dort liegen. Bonni stürmte schwanzwedelnd an ihr vorbei und wollte sofort den Garten inspizieren.

Nachdem Morgaine die Hündin rausgelassen hatte, stieg sie aus ihrem Kostüm und zog sich eine alte, verwaschene Jeans und ein Shirt über. Mit ihren Zigaretten, der Flasche Rotwein und einem Glas, trat sie ebenfalls in den Garten hinaus und marschierte Richtung Gartenbank. Der Duft der Kirsch- und Apfelblüten umfing sie und sie merkte, wie sie langsam anfing, ruhiger zu werden. Mit einem tiefen Seufzer machte sie es sich auf der Bank in dem weichen Sitzkissen bequem.

Nach dem ersten Schluck Wein griff sie an den Anhänger der Kette, die nun um ihren Hals lag. Es handelte sich tatsächlich um einen Drachen und er fühlte sich warm an in ihrer Hand.

Auch wenn sie nicht im Geringsten wusste, was das alles zu bedeuten hatte, verspürte sie zumindest keine Angst. Sehr nachdenklich betrachtete sie den Drachen und hatte sofort wieder das Bild des Mannes vor Augen. Unwillkürlich stellte sich eine Sehnsucht ein, von der sie wusste, dass sie sie niemals zuvor gespürt hatte. Dieses Gefühl kam von ganz tief unten, vom Grund ihrer Seele. Sie wusste auf einmal ganz sicher, sie musste diesen Mann wiedersehen, egal was auch immer es mit dieser ganzen Geschichte auf sich hatte. Sie hatte so wahnsinnig viele Fragen und nur er konnte ihr die Antworten darauf geben. Gleich morgen würde sie ihn zur Rede stellen, das nahm sie sich fest vor.

Da Morgaine nicht an Zufälle glaubte, war sie überzeugt davon, dass hier etwas im Gange war, dessen Ausmaß sie sich wahrscheinlich nicht im Geringsten vorstellen konnte. Ihre Neugierde hatte sie gepackt.

Bonni vergnügte sich unterdessen mit den Tauben, die, sehr zu Morgaines Leidwesen, alles vollschissen. Die Hündin liebte es, zu jagen und in den Tauben hatte sie bereitwillige Opfer gefunden. Mit einem kurzen Pfiff rief Morgaine den Golden-Retriever zu sich und ging ins Haus um die Leine zu holen. Ein ausgedehnter Abendspaziergang würde ihre Gedanken hoffentlich etwas sortieren.

Direkt hinter ihrem Haus kam man über einen Feldweg in ein nahes gelegenes, kleines Wäldchen. Der Abend war wunderschön, die Sonne färbte sich gerade blutrot und war im Begriff unterzugehen. Bonni kannte den Weg bestens und war froh, als Morgaine sie im Wald endlich von der Leine ließ.

Sofort stürmte sie los, um ihr Revier zu erkunden, und eventuell den ein oder anderen Hasen zu jagen. Gemächlich schlenderte Morgaine den vertrauten Waldweg entlang und erfreute sich an der Natur. Gerade nach einem anstrengenden Arbeitstag konnte sie hier immer sehr schnell abschalten, ihre Gedanken ruhen und einfach die Seele baumeln lassen.

Heute kamen ihr glücklicherweise keine anderen Spaziergänger entgegen und somit konnte sie sich ganz auf sich selbst konzentrieren. Ab und an hörte sie ein lautes Rascheln im Gebüsch und sah kurz darauf eine wedelnde Rute, manchmal begleitet von Gebell. Bonni war in ihrem Element.

Morgaine war schon immer eine sehr tiefsinnige Frau, die sich mit dem Sinn des Lebens auseinandersetzte. Im Gegensatz zu vielen anderen Menschen nahm sie die Dinge nicht einfach als gegeben hin, sondern hinterfragte sie.

In ihren Augen hatte die Existenz eines jeden Menschen auf dieser Welt einen bestimmten Sinn und sie war überzeugt davon, dass ein Jeder eine ganz spezielle Aufgabe hatte, die es zu erfüllen galt. Sie hatte so manchen Sturm hinter sich gebracht und wenn man es genau bedachte, war sie danach jedes Mal stärker gewesen. Diese Stärke hatte sie ganz gewiss auch zu einem guten Teil ihrer Oma zu verdanken, die in den Wirren des Krieges und im Wiederaufbau danach, schier Unglaubliches geleistet hatte.

Wieder kehrten ihre Gedanken zu dem fremden Mann zurück. Auf der einen Seite machte er ihr, Angst, auf der anderen Seite war er ihr vertrauter, als es jemals ein Mensch, außer ihrer Oma, zuvor war. Je länger sie darüber nachdachte, desto größer wurde die Gewissheit, dass sie beide sich schon unendlich lange kannten. Anders war dieses Gefühl nicht zu erklären. Sollte jetzt wirklich der Moment gekommen sein, auf den sie ein Leben lang gewartet, aber irgendwann nicht mehr geglaubt hatte? Sie musste es auf jeden Fall so schnell wie möglich erfahren.

Kurz dachte sie daran, die Karten zu befragen. Morgaine war eine leidenschaftliche Sammlerin von Tarotkarten und nutzte diese hobbymäßige Begabung gerne mal im engsten Freundeskreis und hin und wieder für sich selbst. Egal was auch immer kommen mochte, sie würde sich den Dingen stellen, das hatte sie immer getan.

Inzwischen war es dunkel geworden und die beiden machten sich auf den Weg nach Hause. Dort angekommen, bekam Bonni noch ihre abendliche Mahlzeit und Morgaine begab sich direkt ins Bad. Der Spaziergang hatte ihr Gedankenkarussell beruhigt und jetzt wollte sie nur noch ins Bett gehen und schlafen.

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 Der Digitalwecker, der auf dem Nachttisch stand, zeigte 00:23, als Morgaine mit einem Ruck erwachte. Sie hatte das Gefühl, als würde der Drache um ihren Hals glühen. Völlig verwirrt und orientierungslos saß sie mit weit aufgerissenen Augen im Bett. Erst nach einigen Sekunden realisierte sie, wo sie sich befand und vor allem in welcher Zeit.

Wie aus weiter Ferne hörte sie die Kampfgeräusche und das Gebrüll der Kämpfenden. Hastig zog sie die Bettdecke weg und warf einen erschrockenen Blick auf ihren rechten Oberschenkel. Fast hätte sie erwartet, hier eine blutende Wunde vorzufinden, denn sie wusste, ein Schwerthieb hatte sie erwischt und eine tiefe, sehr schmerzhafte Verletzung hinterlassen.

Das war alles unglaublich. Bisher hatte sie nur von bewussten, selbst herbeigeführten Zeitreisen gelesen. Jetzt war sie selbst in der Zeit gereist und das im Traum, ohne es selbst steuern zu können, zumindest fühlte es sich so an.

Noch immer konnte sie das Schlachtfeld vor sich sehen und selbst der Geruch der Erde auf der sie gelegen hatte, stieg ihr wieder in die Nase. Sie war nicht allein, der fremde Mann kniete neben ihr und hatte sich um ihre Wunde gekümmert. Daran konnte sie sich noch genau erinnern, der Rest allerdings war nur verschwommen. Glücklicherweise, war morgen schon Freitag und das Wochenende stand kurz bevor.

Morgaine hatte einige Bücher über Zeitreisen gelesen, weil sie dieses Thema schon immer brennend interessierte. Schon jetzt war klar, womit sie die zwei freien Tage füllen würde. Sie musste unbedingt mehr Informationen bekommen und vor allen Dingen in Erfahrung bringen, ob so etwas auch in Träumen, ohne eigenes Zutun, passieren konnte und vor allem warum.

Das » Warum « war hier wohl eher die Frage, denn passiert war es ja schließlich schon. a Morgaine noch etwas aufgewühlt war, öffnete sie die beiden Balkontüren und ließ frische Luft ins Zimmer.

Sie trat in die Kühle hinaus, setzte sich in einen der beiden kleinen Korbsessel und griff nach der Zigarettenschachtel, die auf dem runden Bistrotisch lag. Da die Möbel sehr zierlich waren, hatten sie gerade noch, auf dem nicht sehr großen Balkon, Platz gefunden.

Morgaine inhalierte den Rauch tief und blickte hinauf zu den Sternen. Ein unbestimmtes Gefühl bemächtigte sich ihrer. War es Aufregung oder Vorfreude auf das, was jetzt passieren würde?

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Sie konnte es nicht genau bestimmen, war sich aber auf einmal ganz sicher, dass sich ihr Leben von Grund auf ändern würde.

 

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